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Kanzlerin und Kandidat

München. Der Wahlkampf beginnt: Angela Merkel und Martin Schulz sind auf Sommertour. Unsere Korrespondentin Rena Lehmann hat beide begleitet.

Vor dem Münchener Technologiezentrum wartet ganz allein ein junger Mann in Lederhosen und Trachtenhemd auf ihn. Er will ein Foto machen, von sich und dem SPD-Kanzlerkandidaten. "Sie werden's schon schaffen", sagt der junge Mann und klopft Martin Schulz mit seiner großen Hand auf die Schulter. Solche Momente tun dem SPD-Mann gerade gut.

Ein langer Wahlkampf liegt vor ihm, in dem er ankämpfen muss gegen eine öffentliche Stimmung, nach der das Rennen gegen Angela Merkel schon entschieden scheint. Bis zum 24. September wird er jetzt jeden Tag mindestens zwei Termine machen, freie Wochenenden gibt es keine mehr, keinen Urlaub, nur kleine Verschnaufpausen. In der vergangenen Woche hat er das Land von Süden über Nordrhein-Westfalen bis Hamburg bereist. Überall warten Kameras und Mikrofone, stellen Journalisten Fragen, wollen Parteimitglieder für den Wahlkampf motiviert werden. Martin Schulz steht unter Dauerbeobachtung. Es kostet ihn sichtbar Kraft, seinen Kampfgeist immer wieder hervorzukehren.

Oder ist er schon erloschen? Die letzten Monate sind jedenfalls nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Schulz wirkt zwischendurch abgekämpft. Es ist mühsam, den Gute-Laune-Bären zu geben, wenn Umfragewerte stagnieren und die Gegnerin einfach weiterregiert und wirkungsvolle Fotos von internationalen Gipfeln produziert. Schulz hat ein Bild für diesen Zustand: "Air Force One gegen Würselen" nennt er das Duell gegen Angela Merkel inzwischen. Aber irgendwann, bald, müsste auch Merkel landen und sich in die Niederungen der deutschen Innenpolitik begeben. Auf den Marktplätzen ist er besser als sie, meint er. Und dann wird er seine Chance nutzen, um das Ding noch zu drehen und Bundeskanzler zu werden.

Martin Schulz ist ein ungewöhnlicher Kanzlerkandidat. Mit 31 wurde er jüngster Bürgermeister Deutschlands in seiner Heimatstadt Würselen, mit Anfang 40 ging er nach Brüssel, die letzten 25 Jahre war er Europapolitiker, als Parlamentspräsident wurde er bekannt. Einen größeren Wahlkampf hat er geführt, als er gegen Jean-Claude Juncker für das Amt des Kommissionspräsidenten kandidierte. Im Januar wurde er Parteichef und Kanzlerkandidat in Deutschland. Für den Neustart bleibt wenig Zeit. Seinen Höhenflug vom Anfang des Jahres, als die SPD in den Umfragen kurzzeitig über 30 Prozent und der Union sehr nahe kam, sieht er heute nüchtern. Schon damals habe er gewusst, dass der Hype nicht anhalten wird, dass es einen langen Atem braucht. Es folgten drei Landtagswahlen, an deren Ende die SPD in ihrem Stammland Nordrhein-Westfalen die Macht verlor. Schulz war in den Wochen vor der Wahl in NRW abwesend, zog sich zurück, äußerte sich nicht. Ein Fehler, wie er heute weiß.

Aber Schulz ist kein glatt geschliffener Profi. Er zeigt Unsicherheit und spricht frappierend ehrlich über Zweifel und seine Suche nach der richtigen Strategie. Das kann man als Stärke betrachten in einer Zeit, in der sich offenbar viele Bürger von Politik abwenden, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, dass das Spitzenpersonal echt und authentisch ist. Es kann aber auch Zweifel nähren an Schulz' Fähigkeit, die fünftgrößte Industrienation Deutschland in international unübersichtlicher Lage entschieden zu führen. Schulz ist nicht abgehoben. Er wirkt nahbar und zugänglich. Aber er hat auch nicht die Präsenz, die bei anderen Mächtigen sofort spürbar wird, wenn sie den Raum betreten.

Schulz musste auch lernen, dass es schwierig ist, mit Inhalten durchzudringen, wenn der Gegner nicht mit ihm streiten will. Angela Merkel hat er beim Parteitag in Dortmund einen "Anschlag auf die Demokratie" vorgeworfen, weil sie einen inhaltsleeren Wahlkampf führe und jegliche Auseinandersetzung verhindere. Seine Rede in Dortmund war sein bisher schärfster Angriff gegen Angela Merkel. Müsste er sie härter angehen? Offen sagen, dass sie das Land aus seiner Sicht nur verwaltet, Probleme vertagt und den kleinsten gemeinsamen Nennen schon als Erfolg verkauft?

Seine Berater halten es offenbar noch für zu riskant. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt, dass es einen Mann weibliche Wähler kosten kann, Frau Merkel zu hart anzugehen. Schulz hat aber auch erkannt, dass ein zu enges Korsett aus Beratung und Wahltaktik ihm Chancen raubt. Viel zu verlieren hat er in den nächsten Wochen nicht mehr.

Quelle: RP
 
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