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Kardinal Marx warnt
"So fährt der Kapitalismus vor die Wand"

Kardinal Reinhard Marx warnt: So fährt der Kapitalismus vor die Wand
Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz spricht in Berlin zu Fragen der katholischen Kirche. FOTO: dpa, mkx
Berlin. Mitten in die Sondierungen für die neue Regierung setzt der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz markante Orientierungen für die künftige Politik – auch im Namen der evangelischen Kirche. Von Gregor Mayntz

Das Bemerkenswerteste im Lutherjahr ist das "Wir", das der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz verwendet, so oft er von der kirchlichen Sicht redet. Kardinal Reinhard Marx ist sich immer wieder sicher, auch im Namen von Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, sprechen zu können, wenn es um Hilfestellung des Religiösen für die praktische Politik geht. 

Ausdrücklich nennt Marx den Amtskollegen "Freund und Partner". Dabei gab es bei den Katholiken einst die Befürchtung, die Protestanten könnten ihr Lutherjubiläum einmal mehr als Triumph über den Katholizismus inszenieren. Doch nun gibt der oberste deutsche Katholik gerne zu Protokoll, dass es da "kein einziges böses" Wort, stattdessen einen "ökumenischen Schub" gegeben habe.

Beide große Kirchen leiden unter Auszehrung

Liegt es daran, dass beide großen christlichen Kirchen gleichermaßen unter Auszehrung leiden? Jährlich kehren zwischen 150.000 und 200.000 Christen den Amtskirchen den Rücken. Allein in der katholischen Kirche ist die Zahl der Gottesdienstbesucher ausweislich eigener Zählungen von fast zwölf Millionen im Jahr 1950 auf gerade einmal zwei Millionen zurückgegangen. Doch solche Zahlen fordern Marx nur heraus: "Soll die Kirche wieder so sein wie 1950?", fragt er, und antwortet mit einem entschiedenen "Nein".

Soziologisch betrachtet sei es in Wirklichkeit kaum verständlich, dass in der heutigen offenen und pluralen Gesellschaft immer noch so viele Katholiken sonntags in die Kirche gingen. Es gebe keine Anzeichen für einen Zerfall des Christentums in Deutschland. "Dass wir weniger werden, heißt doch nicht, dass wir weniger zu sagen hätten", unterstreicht der Kardinal.

Familiennachzug für Christen "sehr entscheidend"

Es ist der Tag, an dem der Chef der katholischen Kirche der Politik mitten in Vorsondierungen zur nächsten Regierungsbildung ins Stammbuch schreibt, auf was es aus ethisch-religiöser Sicht besonders ankommt. Und das dürfte auch nicht jedem in der Union passen, die sich christlich nennt. Gerade haben sich CDU und CSU darauf verständigt, den Familiennachzug für zeitlich begrenzt Geduldete weiter auszusetzen, da stellt Marx fest: "Wer auf Dauer hier ist, muss seine Kinder oder Ehegatten nachholen können, das ist ethisch geboten." Es sei manchmal nötig, Familien zu trennen, etwa wenn einer ins Gefängnis gehen müsse. Die Fälle seien auf "äußerste Not" zu beschränken, und das sei bei den Flüchtlingen nun einmal nicht zu erkennen. Familiennachzug sei für Christen etwas "sehr, sehr Entscheidendes".

Auch mit der Begrenzung der Flüchtlingsaufnahme auf 200.000 hat die katholische Kirche massive Probleme. Eine solche Obergrenze sei "nicht hilfreich". Allerdings sei es auch nicht verboten, darüber nachzudenken, wie sich ein Zustrom humanitär begrenzen lasse. Eine Obergrenze sei auch denkbar bei den finanziellen Mitteln, die aufgewendet würden, um die Umstände in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu verbessern. Natürlich sei das "Evangelium kein Handbuch der Politik", aber es gebe eine Richtung an. Und wer in die andere Richtung wolle, müsse das sehr gut begründen können.

Fünf-Punkte-Plan für die Flüchtlingspolitik

Einen Fünf-Punkte-Plan hält Marx als Orientierung für die Flüchtlingspolitik bereit. Jeder müsse erstens menschenwürdig behandelt werden, der an Europas Grenzen komme, zweitens ein faires Verfahren erhalten, so dass drittens die Grenzen nicht zu Todesgrenzen verkommen und viertens niemand zurück in eine Situation von Tod und Verfolgung müsse und fünftens sei viel mehr zu tun für die Länder, aus denen die Flüchtlinge kämen. Nur mit einem Türkei-Abkommen sei das Problem nicht gelöst, fügt Marx hinzu.

Besonders wichtig ist der katholischen Kirche, dass sich die neue Bundesregierung einem "neuen Denken für Europa" verpflichtet sieht. Marx äußert ausdrücklich sein Bedauern, dass die Zukunft der EU im Wahlkampf so gut wie keine Rolle spielte. Die Bischöfe aus der EU würden sich mit dem Papst treffen, um Europa neue Impulse zu geben. Den Anstoß von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat aus der Sicht von Marx genau die "Emotion und Bewegung", die Europa jetzt brauche. Auch die neue Bundesregierung müsse klären, wie Europa in zehn, 20 und 30 Jahren aussehen soll und welchen Beitrag Deutschland dazu leisten kann.

Nachhaltig mahnt der Oberhirte der deutschen Katholiken eine neue Fortschrittsidee an. Die alten Begriffe von Kapitalismus und Sozialismus seien überholt, es gelte, mit einer neuen Idee umzugehen. Allerdings gehöre dazu auch ein ehrlicher Umgang mit den Folgen des Klimawandels, des Welthandels und der Migration. "Die sozialen und ökologischen Kosten tauchen in der Rechnung der Globalisierung nicht auf", kritisiert Marx. Und unter ausdrücklichem Hinweis auf seinen Nachnamen sagt er voraus:  "Wenn diese Kosten nicht in den Blick genommen werden, wird das Projekt Kapitalismus vor die Wand fahren." Damit macht Reinhard Marx der Kapitalismuskritik von Karl Marx sicherlich alle Ehre. Anders als jener ruft der Kardinal aber zur Bildung einer "erneuerten sozialen Marktwirtschaft" auf.

Kirchen suchen Kontakt zu Muslimen

Auch die Kirchen wollten zum Dialog noch intensiver beitragen. Dazu suchten sie insbesondere den Kontakt zu muslimischen Gläubigen. An einer Milliarde Muslime dürfe niemand vorbeigehen. Allerdings bleibe vorerst das Problem, einen Ansprechpartner zu finden, der für den Islam sprechen könne. Kontaktverbote gebe es im Übrigen auch nicht zu einer neuen, jetzt in den Bundestag gewählten Partei, die Marx weiterhin nicht beim Namen nennt, aber in deren Programm es "Grenzwertiges" gebe. Nun wolle man sie (die AfD) erst einmal beobachten und dann bewerten, wenn es "aus sozialethischer oder kirchlicher Sicht nötig" sei.

 
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