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Analyse
Katholiken feiern in der Diaspora

Leipzig. Heute Abend wird in Leipzig der 100. Katholikentag eröffnet. Ein Glaubensevent im glaubensfernen Osten, das sich vielen Fragen widmet und einer Debatte entzieht: der Auseinandersetzung mit Vertretern der AfD. Von Lothar Schröder

"Man will auf den katholischen Versammlungen wesentlich nicht diskutieren, sondern für längst fertige Resultate neue Bekenner gewinnen und die alten neu begeistern." Dieser Ruf aus dem Jahre 1851 - aus dem Munde des Protestanten Wilhelm Heinrich von Riehl - soll erhört werden. Auch diesmal im östlichen Leipzig. Denn auf dem 100. Katholikentag wird schon vor dem offiziellen Beginn eine Erklärung verabschiedet, zu der jüngst die AfD weder willens noch fähig gewesen ist: zu einem friedlichen Schulterschluss mit den Muslimen hierzulande.

Besagte Erklärung ist aus dem Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) erwachsen. Man ahnt also, dass da auf beiden Seiten viele Kräfte besten Willens am Werke waren. Und es bleibt fraglich, wie groß die Zahl der Muslime tatsächlich ist, die sich im ZdK-Gesprächskreis vertreten fühlt. Das Papier wird die Welt unseres Miteinanders nicht neu erfinden; es bleibt dennoch zitierfähig. Zum Beispiel: "Heilige Kriege gibt es nicht." Oder: "Gott zur Rechtfertigung von Tötungen und Gewalttaten in Anspruch zu nehmen, ist Gotteslästerung." Wie auch: "Bibel und Koran wollen die Menschen zu Gerechtigkeit und Frieden führen."

Diese Erklärung soll "vor allem zu einer Differenzierung der ganzen Diskussion beitragen, denn es ist erschreckend zu sehen, mit welchem Halbwissen dem Islam eine grundsätzliche Tendenz zur Gewalttätigkeit unterstellt wird", sagte ZdK-Präsident Thomas Sternberg unserer Redaktion.

Doch als Prolog des fünftägigen Katholikentags ist die Erklärung dann doch nicht dienlich. Weil das Thema im Programm mit seinen 1200 Veranstaltungen nur dezent weitergeführt wird. In die Kritik sind die katholischen Laien vor allem mit ihrem Beschluss geraten, keine Politiker der AfD einzuladen. Dafür gibt es Gründe. Wie das Unbehagen daran, fremden- und menschenfeindliche Sätze auf Podien und vor dem Hintergrund des Katholikentag-Emblems sehen und hören zu müssen.

Doch hat man damit auch die Chance der Auseinandersetzung verspielt und zugleich der Gefahr den Boden bereitet, AfD-Positionen zu dämonisieren. Geeignete Podien hätte es durchaus gegeben - etwa mit der Debatte zum Thema "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" mit Bundestagspräsident Norbert Lammert und Vertretern jüdischen und islamischen Glaubens. Selbstverständlich wird nach den Worten Sternbergs die Konfrontation gesucht. "Wir laden aber keine Politiker als Politiker ein, sondern nur als Fachleute auf Podien. Das ist keine grundsätzliche Gesprächsverweigerung. Ich sehe aber in der Frage der Flüchtlinge, in der sich viele Männer und Frauen unserer Kirche engagieren, nicht, wie leitende Personen der AfD einen sowohl sachlichen als auch sinnvollen Beitrag leisten können", sagt der ZdK-Präsident .

Die Auseinandersetzung mit Positionen der AfD ist jedoch kein Exoten-Thema unter Christen. Schließlich finden sich auch Katholiken in Reihen der Partei. Wie man mit ihnen ins Gespräch kommen will, scheint ungeklärt. Auf die Frage, wie man auch diese Mitgläubigen einbindet, gibt sich Sternberg wortkarg: "Ich habe nie bestritten, dass diese Themen diskutiert werden müssen."

Der Beschluss, die AfD und ihre Positionen in Leipzig am besten nicht vorkommen zu lassen, ist allerdings aus dem vergangenen Herbst. Da stand Sternberg noch nicht an der Spitze der katholischen Laien. Wahrscheinlich hätte er anders entschieden. Im Vorfeld jedenfalls ist der Präsident - der für die CDU im Landtag von NRW sitzt -bemüht, verlorenen Boden wettzumachen mit deutlichen Abgrenzungen zur AfD wie diesen: Die Partei sei religionsfeindlich und eine Axt an der Wurzel einer religionsfreundlichen Gesellschaftsordnung. Zudem wollten ihre Vertreter spalten statt integrieren. "Auf diese Vereinfacher fallen wir nicht herein", so Sternberg. Der Präsident zeigt klare Kante. Doch scheint vielen Katholiken auch der Sinn nach Beteiligung zu stehen und nicht nur danach Empfänger von verträglichen Botschaften zu sein.

Nicht allein wegen dieses weißen Fleckes ist der 100. Katholikentag ein besonderer. Denn er wird gefeiert als eine Art katholisches Auswärtsspiel. Von den Einwohnern der Pleiße-Stadt sind gerade einmal 20 Prozent Christen, 4,3 Prozent Katholiken. Ein Glaubensfest im glaubensleeren Raum. "Ein Wagnis" nennt Karl Kardinal Lehmann die Wahl dieses Austragungsortes. Schon einmal gab es eine vergleichbare Herausforderung, als der Katholikentag mit der Euphorie der ersten Einheitsjahre 1994 in Dresden stieg. Die Katholiken wollen sich auch im Osten nicht verbiegen; doch die Schwelle zum Glaubensfest wird hier und da deutlich niedriger sein. "Leben mit und ohne Gott" heißt eine Handreichung an die Gastgeber.

Natürlich ist auch der Reformwille gewohnt groß, wobei die Reformwilligsten der Kirchenvolksbewegung von "Wir sind Kirche" abseits ihre Debatten im Alternativ-Programm "Katholikentag Plus" austragen. Dauerthemen kehren in Leipzig wieder: der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene, eine neue Achtung für schwule und lesbische Paare sowie die Diakonweihe auch für Frauen. Dies freilich wird von konservativen Kräften als Vorstufe zur Priesterweihe gefürchtet.

Der Katholikentag war immer etwas anders als die sogenannte Amtskirche. Gegründet 1848, stand er für Erneuerung und provozierte die spätere Gründung der Bischofskonferenz. Bleibt nur der Wunsch nach größerem Einfluss, damit nicht das seine Fortsetzung findet, was der eingangs zitierte Wilhelm Heinrich von Riehl 1851 verlauten ließ: Dass nämlich diese Versammlung ein "wirkungsreiches Schauspiel" sei, "welches die Mitwirkenden vor allen Dingen für die Draußenstehenden aufführen".

Quelle: RP
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