Merkel: Debatte nicht zu radikal führen: Kirchentag: Clement äußert sich zur Embryonenforschung
zuletzt aktualisiert: 16.06.2001 - 12:40Frankfurt/Main/Bonn (rpo). Der Evangelische Kirchentag in Frankfurt wird sich auch am heutigen Samstag mit der Gentechnik-Debatte beschäftigen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) will bei dieser Gelegenheit seine umstrittene Haltung zur Embryonenforschung erläutern.
Vor dem "Verbrauch" von Embryonen zu Forschungszwecken hat die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel gewarnt. Gleichzeitig mahnte die Politikerin, die Gentechnik-Debatte nicht zu radikal zu führen. Man müsse auch über eine "Ethik des Heilens" nachdenken, sagte Merkel am Samstagmorgen bei einer Bibelarbeit zum Evangelischen Kirchentag in Frankfurt. Dem NRW- Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) warf sie vor, mit seinem Eintreten für den Import embryonaler Stammzellen "unnötigen Druck" zu erzeugen.
Der Mensch habe auch von Gott den Auftrag, Leiden zu lindern, sagte die CDU-Politikerin. Das Helfenwollen habe nur da seine Grenze, wo in das Leben anderer eingegriffen werde: "Das dürfen wir nicht!" Im Einzelfall sei die Abwägung allerdings sehr schwierig, etwa wenn das Leben eines geliebten Menschen auf dem Spiel stehe. So könne es zwar sein, dass die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) ein Dammbruch sei, aber "wenn sich alles in der eigenen Familie abspielt, kann die Abwägung auch schwierig werden", sagte Merkel unter dem Beifall mehrerer hundert Zuhörer. Dennoch müssten Christen das Menschsein so verstehen, dass es viele Dinge gibt, die "wir weder erklären können noch erklären sollen oder dürfen".
Dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Clement warf Merkel vor, voreilig zu handeln. Man dürfe keine "Fakten schaffen durch die Hintertür". Die Möglichkeit, embryonale Stammzellen, die in Deutschland nicht zu Forschungszwecken erzeugt werden dürfen, aus dem Ausland zu importieren, basiere auf einer Gesetzeslücke, die 1990 nicht abzusehen war, sagte Merkel. Eine Entscheidung über die Nutzung solcher Zellen gehöre ins Parlament.
Benda: Embryonenforschung verstößt gegen Grundgesetz
Führende Kirchenvertreter hatten Clement kritisiert, weil er Pläne zum Import embryonaler Stammzellen unterstützt. Der NRW- Regierungschef soll in Frankfurt mit dem früheren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Ernst Benda, über die Frage «Ethik des Heilens» diskutieren. Benda hatte auf dem Kirchentag bereits die Position vertreten, verbrauchende Embryonenforschung verstoße gegen das Grundgesetz. Teilnehmer einer anderen Diskussionsrunde zur Gentechnik ist der Bonner Wissenschaftler Otmar Wiestler, der embryonale Stammzellen aus Israel einführen und damit arbeiten will.
Ungeachtet der heftigen Kritik auf dem Evangelischen Kirchentag verteidigte Wiestler in einem dpa-Gespräch das Stammzellen-Projekt. «Wir laufen Gefahr, uns von einer besonders vielversprechenden neuen Entwicklung abzukoppeln, sollte das Vorhaben nicht bald genehmigt werden», sagte der Direktor des Instituts für Neuropathologie an den Universitätskliniken Bonn. Wiestler meinte, der Standpunkt der Kirche sei eindeutig und einer der konsequentesten. «Ich teile ihn allerdings nicht und denke auch nicht, dass er mehrheitsfähig ist.»
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