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Evangelischer Kirchentag
Die Republik tickt protestantisch

Stuttgart. Ein Pastor als Präsident, eine Pfarrerstochter als Kanzlerin: Unsere Staatsspitze ist evangelisch dominiert. Doch nicht nur das: Der Protestantismus regiert das Land. Weil er so gut zu uns passt. Der Kirchentag beweist es. Von Frank Vollmer

Politisch ist Bodo Ramelow ein Außenseiter. Seit Dezember ist er der erste und bisher einzige Ministerpräsident der Linken. Die Bildung seiner rot-rot-grünen Regierung in Thüringen hat die ganze Republik aufgewühlt. Beim evangelischen Kirchentag in Stuttgart aber ist der Protestant Ramelow einer wie alle. Bei der morgendlichen Bibelarbeit in der Liederhalle wird er fast so freundlich empfangen wie Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) tags zuvor an gleicher Stelle. Und der hatte als Baden-Württemberger ein Heimspiel.

Integration durch Protestantismus also. Es liegt nahe, darin ein Sinnbild für das Ganze zu sehen. Denn Deutschland im Jahr 2015 ist eine protestantische Republik. Nicht nur weil der Präsident Pastor ist und die Kanzlerin Pfarrerstochter. Oder weil obendrein die Regierung zur Hälfte aus Protestanten besteht, weil wir also von Protestanten regiert werden. Es ist viel mehr: Wir werden vom Protestantismus regiert.

Und zwar, weil der Protestantismus die Kultur der Bundesrepublik verkörpert, ihre Mentalität - nicht nur die ihrer Staatsspitze. Deshalb wird die Kanzlerin auf Kirchentagen auch immer so freundlich empfangen. Die Deutschen wollen kein katholisches Schlitzohr mehr wie Adenauer, keinen Aussitzer wie Kohl, kein Alphatier wie Schröder. Ihnen gefällt die nüchterne, abwägende, rationale, meinetwegen auch zaudernde Art ihrer Kanzlerin, der man stets Skrupel unterstellen kann, selbst wenn sie gar keine haben sollte. Denn Skrupel, die hat man selbst reichlich.

Zum moralischen Habitus der evangelischen Republik gehört auch ein Hang zu Besserwisserei

Zum moralischen Habitus der evangelischen Republik gehört auch ein Hang zu Besserwisserei und Empörung. Bundespräsident Joachim Gauck veranlasste das in Stuttgart zu der Kritik, beim Kirchentag stelle sich das "Element der Sehnsucht nach dem Shalom", also dem göttlichen Frieden, "auf eine zu banale Weise in Forderungen an die Politik dar" - Treffer. Und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) rief den Gegnern des Freihandelsabkommens TTIP zu, ihn störe an der deutschen Debatte, dass man immer schon vorher wisse, wie die Verhandlungen ausgingen.

Weil ihm das Gewissen so wichtig ist, muss dieser Protestantismus auch mit sich selbst streiten. Thomas de Maizière verkörpert diese Zerrissenheit: Als CDU-Innenminister beklagt er eine Untergrabung des Rechtsstaats durch das Kirchenasyl, für das seine evangelische Kirche mit so viel Herzblut streitet. Er habe "zwei Seelen in der Brust", bekannte de Maizière in Stuttgart und fragte: "Haben das nicht alle mal?" Für so viel evangelische Selbsterforschung kam sogar Applaus von der Asyl-Fraktion auf den Papphockern.

Der protestantischen Staatsseele konnte man auf dem Kirchentag sogar wissenschaftlich nachspüren. Gaucks Gesprächspartner, der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, stellte drei Arten vor, mit der Welt in Kontakt zu treten: Kampf, Indifferenz (also Gleichgültigkeit) und Resonanz, womit er gegenseitige Anregungen meint, Austausch. Genau das ist für den protestantischen Mainstream offensichtlich die bevorzugte Gegenwartsbewältigung - anders als für die katholische Kirche, die sich an der Moderne abarbeitet, damit aber vor allem auf Unverständnis stößt.

Der bundesrepublikanische Protestantismus lässt sich ein auf die Gegenwart, auch auf das Risiko hin, sich durch diese Beschäftigung im Wesen zu verändern. Daraus resultiert der (oft berechtigte, oft aber billige) Vorwurf, die evangelische Kirche verschwende den größten Teil ihrer Energie darauf, ängstlich dem Zeitgeist hinterherzuhecheln. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) drehte den Spieß auf dem Kirchentag um, als sie die Kirchenverantwortlichen für ihren Mut lobte, in ihrem Familienpapier 2013 ausdrücklich auch Patchwork-Familien und homosexuellen Partnerschaften Anerkennung auszusprechen.

Der Protestantismus ist die geborene Weltanschauung für die durch und durch weltliche Modernität der Deutschen. "Ich kann nicht, nur weil meine Erwartungen nicht erfüllt werden, diese dunkle Szenerie ausbreiten", sagte Gauck zu Rosas pessimistischer Skizze einer Gesellschaft, die sich in Wachstumszwängen aufreibt. Auf den katholischen Umgang mit der Lebenswirklichkeit hätte der Satz auch gepasst.

Und dann ist da noch die gute alte protestantische Ethik. Auch dafür war Gauck zuständig: "Wir tun Menschen nichts Gutes, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten" - sozusagen die pastorale Vorstufe des Lobs auf den ökonomischen Wettbewerb, das Schäuble anstimmte. Der erteilte mit dieser Begründung zugleich einem Schuldenerlass für Griechenland eine Absage: "Wir können nicht unbegrenzt für Entscheidungen anderer zahlen." Dafür gab's Applaus, und im Publikum saßen sicher nicht nur sparsame Schwaben.

Wo in dieser Republik wird noch Religion benötigt?

Bleibt nur eine, aber entscheidende Frage: Wo in dieser Republik wird noch Religion benötigt, außer als nette folkloristische Erinnerung? Das ist der Finger in der Wunde. Denn die evangelische Kirche hat jüngst (etwa beim Familienpapier) immer wieder theologische Begründungsschwäche erkennen lassen. In Stuttgart gab es ganz unterschiedliche Antworten. "Letztes und Vorletztes" unterschied Schäuble mit Verweis auf Dietrich Bonhoeffer, "um finanzielle Klugheit in richtige Bahnen zu lenken". Ramelow sprach von der "höheren Macht, die uns Kraft gibt, an Gerechtigkeit zu glauben". Gauck fand den prophetischsten Ausdruck: Es gehe darum, "so zu sein, wie wir uns geträumt haben, zu werden, wie Gott uns gewollt hat".

Längst nicht jeder kann da mit - die Zahl der Christen in Deutschland sinkt, die der Protestanten besonders schnell. Mut zu mehr pointierter Einmischung ohne Banalität dürfte daher die Devise lauten. Ein Balanceakt, gerade was die Nähe zur Politik angeht, der aber nötig bleibt. Die Protestanten wissen manchmal gar nicht, wie wichtig sie sind.

Quelle: RP
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