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Die baltischen Staaten: Kleine, aber erfolgreiche EU-Kandidaten

zuletzt aktualisiert: 21.01.2000

Riga (dpa). Als die zerfallende Sowjetunion die drei Länder des Baltikums 1991 widerstrebend in die Unabhängigkeit entließ, wandten Estland, Lettland und Litauen sich sehr schnell einer ganz anderen Union zu. Die EU galt hier schnell als das "wirkliche Paradies" nach den wenig erfreulichen Erfahrungen im sowjetischen "Arbeiterparadies".

Heute, fast zehn Jahre danach, vermittelt die baltische Landschaft mit den zahllosen Hinterlassenschaften herunter gekommener Sowjetindustrien und daraus herrührender sozialer Katastrophen immer noch ein trübes Bild. Aber sie wirkt doch viel freundlicher als vielen westlichen Stereotypen zufolge. Das gilt vor allem für die Hauptstädte Tallinn in Estland, Riga in Lettland und die litauische Metropole Wilna.

Der international anerkannte wirtschaftliche Erfolg der Balten hat viel mit dem Mangel an Größe zu tun. Alles in allem leben in den drei Ländern 7,5 Millionen Menschen, so dass die nachkommunistische Misere nicht so bodenlos ausfällt wie im riesigen Russland. Der estnische Präsident Lennart Meri meint: "Man kann zwar keinen Tanker in voller Fahrt wenden, aber bei einem Motorboot geht das schon."

Alle drei Regierungen streben die Aufnahme in die EU bis 2005 an. In den Ländern wird gern auf traditionell enge Bindungen zum Westen verwiesen, die während des Kalten Krieges in Vergessenheit geraten waren. So gehört Estland zum finno-ugrischen Sprachraum und ist ein Land des Protestantismus. Letzteres gilt auch für Lettland, wo man eine seltene indo-europäische Sprache spricht. Dieser Gruppe gehört auch Litauisch im nordöstlichsten Land Europas mit Katholizismus als dominierender Religion.

Die russischen und slawischen Minderheiten machen zusammen 40 Prozent der Bevölkerung in Estland und Lettland aus. Viele von ihnen verfügen nicht über die Staatsangehörigkeit des jeweiligen Landes. Nach nationalistischen Forderungen zu Beginn der Unabhängigkeit, alle Russen auszuweisen, berufen sich die Regierungen heute lieber auf liberale hanseatische Traditionen und eine 18 Jahre währende Periode der Selbstständigkeit zwischen den beiden Weltkriegen, um ihren Willen zur Kooperation mit zugezogenen Russen und zu multikultureller Sensibilität gegenüber westlichen Kritikern zu untermauern.

Trotzdem aber sind nationalistische Töne weiter deutlich zu vernehmen. Man spricht im Baltikum nicht von der "sowjetischen Ära", sondern von der "russischen Zeit" und verweist darauf, dass die Annextion durch Moskau zwischen Stalin und Hitler vereinbart war. 1991 gilt als "Wiedergeburt" der drei Nationen. Die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga, das erste weibliche Staatsoberhaupt in Osteuropa, meint, in jenem Jahr seien "die Mauern von Jericho eingestürzt".

Auch wenn die Zeiten der Hyperinflation lange überstanden sind, steigen die Preise beständig an. Die illegale Schattenwirtschaft mit einem enormen Tauschhandel bei Waren, Dienstleistungen und Valuta blüht da nach wie vor.

Nach Auffassung aller drei Länder hat das Baltikum erhebliche Opfer gebracht, um den Beitrittsanforderungen der EU gerecht zu werden. Dazu wird neben der heute liberalisierten Nationalitätenpolitik in Litauen vor allem das Versprechen gezählt, das Atomkraftwerk Ignalina mit zwei Reaktoren vom Tschernobyl-Typ zu schließen.

Quelle: RPO Archiv

 
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