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London
Klinkenputzen für den Brexit

London. Die Befürworter eines EU-Austritts werben vor dem britischen Referendum am kommenden Donnerstag im Häuserwahlkampf um Stimmen bei den Unentschiedenen. Von Jochen Wittmann

Barnet, im Norden Londons, ein früher Sommerabend im Juni. Ein halbes Dutzend Freiwillige bereitet sich auf seinen Einsatz vor. Sie bewaffnen sich mit Flugblättern und Adresslisten. Sie stecken sich einen Button ans Revers oder ans rote T-Shirt, darauf steht: "Vote Leave" ("Wähle den Abschied"). Es ist der Name der Organisation, die für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union plädiert. Sie sind alle überzeugte "Brexiteers", und jetzt wollen sie ihre Landsleute davon überzeugen, dass eine Stimme für den Brexit die einzig vernünftige Entscheidung am Donnerstag sein wird.

Es nieselt. In diesem nassesten aller Junis seit Menschengedenken ist es kein Vergnügen, von Haus zu Haus zu ziehen. Doch genau das ist, was "Canvassing" - zu Deutsch etwa: direkte Stimmenwerbung - bedeutet: Man geht von Tür zu Tür, fragt die Leute, wie sie wählen werden, verteilt Flugblätter und Broschüren und versucht, die Unentschiedenen auf seine Seite zu ziehen. Demokratie in Aktion sozusagen, Kärrnerarbeit im Dienst der Sache, Klinkenputzen für die angebliche Unabhängigkeit.

Die Vote-Leave-Gruppe hat sich für diesen Abend ein Viertel in Barnet ausgesucht, das nicht unbedingt reiche Beute verspricht. Barnet ist zwar Tory-Gebiet und hat seit eh und je einen Abgeordneten der Konservativen Partei ins Unterhaus geschickt. Im Moment vertritt Theresa Villiers den Wahlkreis, Kabinettsministerin für Nordirland immerhin und überzeugte Brexit-Befürworterin. Aber in dieser Ecke von Barnet, rund um die Sebright Road, sind eher die Wähler für Labour oder die Liberaldemokraten zu finden. Es ist untere Mittelklasse, die hier lebt, in schmalen, zweistöckigen Reihenhäusern mit kleinen Vorgärten.

Denis ist ein pensionierter Schuldirektor, der sich für "Vote Leave" engagiert, weil er es für unerträglich hält, dass "die EU uns Briten befehlen kann, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir Engländer mögen das nicht!" Der 67-Jährige klingelt bei Hausnummer 2, Sebright Road. Eine ältere Frau öffnet. Ob sie am 23. Juni wählen gehen werde, fragt Denis. "Ja, bestimmt", sagt die Frau, "und ich stimme auf jeden Fall für ,out'!" Der Abend fängt gut an für Denis. Er teilt Mary das Ergebnis mit.

Mary Malde, eine Innenarchitektin, hat den Abend organisiert und verwaltet die Liste. Es ist eine Liste mit sämtlichen Namen und Adressen in dieser Straße, und Mary trägt darin ein, wer für den Austritt oder für den Verbleib ist und wie entschlossen die Leute sind, am Tag selbst wählen zu gehen. Diese Wähleridentifizierung ist der eigentliche Sinn des Canvassing. Denn entscheidend wird sein, wie hoch die Wahlbeteiligung des eigenen Lagers ist. Deshalb wird man am Referendumstag bei den Leuten vorbeigehen, die noch nicht abgestimmt haben, um auch die letzten "Leave"-Wähler zu mobilisieren.

Klinkenputzen kann eine frustrierende Sache sein, besonders wenn man vergeblich klingelt und niemand die Tür aufmacht. Oder gleich wieder schließt, wenn Denis sich als "Outer" zu erkennen gibt. Manchmal setzte es ätzende Kommentare wie bei Nummer 86: "Wir wollen euch engstirnige Fanatiker nicht hier." Bei Nummer 92 scheint es sich wieder zu lohnen. Ein Mann im T-Shirt ist gar nicht gut auf Brüssel zu sprechen. Andererseits weiß er nicht, ob man sich den Austritt wirtschaftlich leisten kann. Denis leckt Blut: Er hat einen Unentschiedenen entdeckt, es gilt, eine Brexit-Stimme zu erobern. Er zählt seine Argumente für den Austritt auf: Souveränität zurückgewinnen. Ende der unkontrollierten Einwanderung von EU-Bürgern. Milliarden einsparen, die man bisher nach Brüssel schicken muss. Jobs schaffen, indem man Handelsabkommen mit dem Rest der Welt abschließt. Man wäre draußen besser dran als drinnen, weil man nicht mehr an eine ökonomisch schwächelnde Europäische Union gekettet wäre, mit all ihren Problemen von den Flüchtlingen bis Griechenland. Außerdem würde Brüssel in Zukunft immer mehr Macht und Geld von den Mitgliedstaaten einfordern. Und man hätte keine Chance, die Eurokraten, die einem die Gesetze vorschreiben, abzuwählen.

Der Mann von Nummer 92 ist nicht überzeugt. Er habe gelesen, sagt er, dass der Finanzminister und die britische Notenbank, der Internationale Währungsfonds und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie eigentlich fast alle Ökonomen von erheblichen wirtschaftlichen Problemen ausgehen, sollte Großbritannien den Binnenmarkt verlassen: Pfund-Absturz, Kurseinbruch, Investorenflucht, langfristige Unsicherheit. Können die Austreter garantieren, dass so etwas nicht eintritt? Denis hat darauf keine Antwort, außer blanken Optimismus. Großbritannien als fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, sagt er, würde außerhalb der EU erst richtig aufblühen.

Das Thema, mit dem die "Vote-Leave"-Truppe am erfolgreichsten punkten kann, ist das Problem der Einwanderung. Für Arabella, eine ältere Dame mit kurzem, blond-grauem Haar, ist die Immigration das Hauptargument für den Brexit. "Wir sind eine kleine Insel. Und wir werden von Einwanderern überschwemmt", sagt sie. "Unsere Schulen und Krankenhäuser können den Ansturm nicht bewältigen. Und außerdem sind diese Ausländer unhöflich zu uns."

Drei Straßen hat die "Vote-Leave"-Truppe an diesem Abend abklappern können. Das Ergebnis ist enttäuschend: Einen klaren Vorsprung hat man in dieser Ecke von Barnet für den Brexit nicht feststellen können. Das spiegelt auch die nationale Situation wider. In den vergangenen Wochen lag mal das eine, mal das andere Lager vorn. Zuletzt spürten eher die Brexit-Gegner Rückenwind. Die ehemalige Parteichefin der Konservativen Sayeeda Warsi etwa hat sich von der Kampagne für einen EU-Austritt Großbritanniens distanziert. Sie wirft der Bewegung Rassismus vor. Zudem ist noch nicht klar, inwieweit der Mord an der Abgeordneten Jo Cox den Ausgang des Referendums beeinflusst. Cox war gegen den Brexit.

Quelle: RP
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