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Düsseldorf/Köln
Polizeichef geht, Tätersuche wird fortgesetzt

Köln: Wolfgang Albers geht, Tätersuche wird fortgesetzt
Polizeichef Albers war wegen der Informationspolitik nach der Silvesternacht in Köln in die Kritik geraten. FOTO: dpa, Montage: RP
Düsseldorf/Köln. Nach tagelangem Zögern hat NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) Polizeipräsident Wolfgang Albers suspendiert. Die Ermittlungen nach den Übergriffen auf Frauen beim Kölner Hauptbahnhof würden mit Hochdruck fortgesetzt, betonte der Minister. Von S. Geilhausen, D. Hüwel, E. Quadbeck und C. Schwerdtfeger

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat die Versetzung des Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers in den einstweiligen Ruhestand vor Journalisten verteidigt. Sie sei nötig geworden, "um das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei zurückzugewinnen", sagte Jäger. Der entlassene Albers habe in einem persönlichen Gespräch "großes Verständnis aufgebracht", fügte er hinzu.

Albers wird vor allem dafür verantwortlich gemacht, dass die Kölner Polizei in der Silvesternacht nicht Herr der Lage am Hauptbahnhof wurde, als Passantinnen zwischen Hunderten von überwiegend ausländischen Männern sexuell belästigt und bestohlen wurden.

Der Kölner Polizei wird aber auch vorgeworfen, in der Öffentlichkeit die Herkunft der Täter vertuscht zu haben. Dabei heißt es in einem Einsatzbericht der Polizei vom 2. Januar, der unserer Redaktion vorliegt, dass sich etwa 400 "Flüchtlinge" im Bereich des Bahnhofsvorplatzes aufgehalten haben "und dort erheblich alkoholisiert unter massiver Verwendung von Feuerwerkskörpern feierten." Dem Bericht zufolge gab es bis 5.50 Uhr 71 Personalienfeststellungen durch die Polizei und zehn Platzverweise.

Die Bundespolizei stellte bis Freitagabend 32 namentlich bekannte Tatverdächtige der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof fest. Wie ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin sagte, gehe es dabei überwiegend um Körperverletzungen und Diebstähle. Unter den 32 Verdächtigen sind laut Bundespolizei 22 Asylbewerber. Es handelt sich aber nur um diejenigen Fälle, die in die Zuständigkeit der Bundespolizei fielen. Die Kölner Polizei ermittelt zudem gegen mehr als 20 mutmaßliche Täter. Gestern wurden im Verlauf des Tages zwei Tatverdächtige festgenommen und wieder freigelassen. Einige der Tatverdächtigen kommen nach Informationen unserer Redaktion aus Duisburg und Düsseldorf. Das bestätigte ein Sprecher der Duisburger Polizei. Ob es sich um Asylbewerber handelt, ist noch unklar. Die Zahl der Strafanzeigen erhöhte sich bis gestern auf 170.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) ging vor Albers' Absetzung auf Distanz zum Polizeichef. Die ihr von der Polizeiführung geschilderten Fakten gäben nicht das vollständige Bild der Einsatznacht wieder: "Insofern ist mit meinem heutigen Kenntnisstand das Vertrauensverhältnis zur Kölner Polizeiführung erheblich erschüttert." Albers wies im Internet die Vorwürfe als "abstrus" zurück: "Wer meinen wiederholten Ausführungen zugehört hätte, dem müsste das deutlich geworden sein."

Am Montag wird Jäger dem Innenausschuss des Landtags berichten, wie es zu den Ausschreitungen kommen konnte und wie die Polizei - vor allem mit Blick auf Großveranstaltungen im Kölner Karneval - ähnliche Übergriffe verhindern will. "Aus Respekt vor dem Parlament" wollte der Minister gestern keine Einzelheiten nennen. Er versicherte aber, dass die Kölner Polizei ihre Ermittlungsarbeit "mit voller Intensität fortführen" werde. Die Menschen wollten zu Recht wissen, was passiert ist, und wer die Täter seien.

Von Jägers Bericht will FDP-Landeschef Christian Lindner abhängig machen, ob seine Partei die Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses fordert. Der Minister sei "eine Art Serientäter bei der Unterschätzung von Gefahrenlagen", sagte Lindner, der sich für Videoüberwachung auf Bahnhöfen und die Bildung einer "schnellen Eingreiftruppe" der Polizei aussprach. CDU-Landeschef Armin Laschet sagte, die Vorgänge in Köln passten "ins Bild dieser Landesregierung: vertuschen, schönreden, wegducken". Von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sei "seit Tagen nur ein dröhnendes Schweigen zu vernehmen".

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hält nach den Übergriffen auf Frauen schärfere Gesetze für denkbar. Man müsse mit der "Härte des Gesetzes" überlegen, "was kann man besser machen?", sagte die CDU-Chefin in Mainz. Das sei unabhängig davon, wer Täter sei. Man müsse überlegen: "Wann verwirkt jemand sein Gastrecht bei uns?"

Nach Einschätzung der Deutschen Polizeigewerkschaft wären die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln nicht derartig eskaliert, wenn nicht 200 Bundespolizisten aus NRW wegen der Flüchtlingskrise in Bayern im Einsatz wären. "Sie hätten den bedrängten Kollegen in Köln zu Hilfe kommen können. Dann wäre die Nacht anders verlaufen", sagte Ernst Walter, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Inzwischen sind der Düsseldorfer Polizei 41 Fälle von schweren sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht bekanntgeworden. Es handle sich dabei um Strafanzeigen und E-Mails, aber auch um Fälle, die von Freunden der Betroffenen berichtet würden, sagte eine Polizeisprecherin. In den meisten beschriebenen Fällen seien die Frauen in Menschenmengen - etwa in Warteschlangen vor Clubs - von mehreren Männern angegangen worden, wobei sich die Täter gegenseitig abgeschirmt hätten. Die Täter werden als nordafrikanisch und arabisch aussehend beschrieben. Sie hätten teilweise Englisch gesprochen. In der Silvesternacht waren in Düsseldorf zunächst vier Anzeigen erstattet worden, bis Donnerstag hatte sich die Zahl auf 15 erhöht.

Quelle: RP
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