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Sirte
Krieg der Teilzeitkämpfer in Libyen

Sirte. An der nordafrikanischen Küste stehen Privatmänner dem IS gegenüber. Der Sieg ist nah. Von Benno Schwinghammer

Mohammed Ghasri schaut nach links, stutzt und gibt Anweisung, das Auto zu stoppen. Er hat seinen Sohn im Kampfgewirr entdeckt. Der Militärsprecher steigt aus seinem gepanzerten Geländewagen. Ein Kuss links. Ein Kuss rechts. 2500 Meter hinter ihm steht das belagerte Konferenzzentrum von Sirte, das Hauptquartier der Terrormiliz IS in Libyen. Hier, an einer halb zerschossenen Mauer, endet die Zivilisation. Dahinter beginnt die fanatische Gewaltherrschaft der Terrorgruppe.

Kämpfer - von Soldaten einer Armee kann keine Rede sein - ducken sich hinter der Wand. Die Sonne brennt fast senkrecht auf ihre Köpfe. Doch die Sommerhitze Nordafrikas ist hier an der Westfront Sirtes das geringste Problem. Es sind die heftigsten Kämpfe seit Wochen. Schüsse fallen. Dumpfe Schläge der Mörsergranaten wirbeln staubige Schleier auf. Auf einer sandigen Heckscheibe hat jemand mit dem Finger auf Arabisch "Al Mansur" - "siegreich" - geschrieben.

Der Triumph scheint nah. Doch die Scharfschützen des IS lauern immer noch. In einer Kerbe, die ein Projektil in die Mauer gerissen hat, steckt ein Fernglas. Es ist auf das Konferenzzentrum gerichtet. "Wir gehen jetzt rein", sagt Ghasris Sohn. Der junge Mann mit dem dunklen Haar nestelt an seinem Camouflagehelm. Eine kurze Verabschiedung vom Vater. Er geht.

Berlin, Paris, London und Washington waren vor einigen Wochen noch in Sorge angesichts der schnellen Ausbreitung des IS in Libyen. Ohne massive Luftschläge westlicher Militärmächte würde niemand den Vormarsch aufhalten können, hieß es. Das nahe Handelszentrum Misrata könnte fallen, wurde gewarnt, danach die Hauptstadt Tripolis. So schien es.

Dann machten die Milizen Misratas ernst. An der Überlandstraße nach Sirte, wo vor Kurzem noch der IS herrschte, umweht heute Wüstensand ausgebrannte Autowracks. Die Wagen waren randvoll mit Sprengstoff, als die Selbstmordattentäter der Terrormiliz den Zünder drückten. Die Explosionen rissen viele vorrückende Kämpfer in den Tod. Doch die Milizen drängten den IS zurück bis nach Sirte.

Einen solchen Gegner habe er noch nie gehabt, sagt ein Milizen-Führer: "Wir kämpfen gegen Personen, die sterben wollen. Das macht sie unmenschlich." Die Schlacht wird offiziell von der UN-vermittelten Einheitsregierung geleitet. Am Boden jedoch rücken Teilzeitkämpfer Dutzender Milizen vor - ein bunter Haufen. Einige tragen sandfarbenen Tarn, andere T-Shirt und Jeans. Einige haben Helme, andere berichten von jungen Männern, die unbewaffnet losziehen wollten. Es scheint, als habe fast jede Familie in Misrata einen Sohn an der Front. Zwischendurch kommen sie nach Hause, zurück ins zivile Leben.

Ein Sieg über den IS wäre ein großer Erfolg für die Einheitsregierung in Tripolis. Doch ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung nahezu machtlos. Schließlich war es das Chaos, die Rivalität, die ein Machtvakuum schuf und den IS in Libyen erst groß machte.

(dpa)
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