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Düsseldorf
Kritik am deutschen "Akademiker-Wahn"

Düsseldorf. Die Hörsäle an den Unis sind voll, die Zahl der Auszubildenden geht zurück. Kritiker wie der Philosoph Julian Nida-Rümelin wollen den "Akademisierungswahn" stoppen. NRW-Bildungspolitiker sind dagegen. Von Dorothee Krings

Hörsaal oder Werkbank? In NRW entscheiden sich immer mehr junge Leute für ein Studium. An den Hochschulen des Landes sind im Wintersemester 2015/16 insgesamt 743.100 Studierende eingeschrieben. Laut Statistischem Landesamt sind das 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Hörsäle sind voll, während die Zahl der Auszubildenden rückläufig ist - zuletzt sank sie um 0,5 Prozent, im Handwerk um mehr als vier Prozent.

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht diese Entwicklung nicht weit genug. Immer wieder rügt die Industrieländer-Organisation Deutschland für seine vergleichsweise geringe Akademiker-Rate. Während im OECD-Schnitt rund 40 Prozent aller Menschen zwischen 25 und 34 Jahren einen höheren Bildungsabschluss erreichen, sind es in Deutschland nur 27 Prozent. Auch die Abbrecherquote ist hoch. Von den 56 Prozent junger Erwachsener, die hierzulande ein Studium beginnen, machen laut OECD nur 36 Prozent einen Abschluss, in anderen Industrieländern gelingt das im Schnitt der Hälfte aller Erstsemester. Die OECD mahnt daher, Deutschland könnte beim Anteil der Hochqualifizierten den Anschluss an andere Industrienationen verlieren.

Kritiker wie der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin halten das für pure Ideologie. Der Einkommensvorteil könne für Uni-Absolventen in gefragten Fächern wie Informatik gelten, aber nicht unbedingt, wenn man die Einkommen von Bachelor-Abgängern in Geisteswissenschaften mit denen von Handwerkern oder Technikern ohne Studium vergleiche. Die OECD habe enormen Druck aufgebaut, um die Hochschulsysteme in Europa zu vereinheitlichen. So sei es zur Einführung der Bachelor-Abschlüsse mit deutlich kürzeren Studienzeiten gekommen, wodurch die Länder Kosten sparten.

Zugleich habe das Ansehen der beruflichen Ausbildung stark gelitten. "Es ist aber falsch, wenn Menschen an die Uni geraten, die sich da gar nicht wohl fühlen, nur weil man ihnen eingetrichtert hat, ohne Uni-Abschluss könnten sie kein erfülltes Leben führen", sagt Nida-Rümelin. Das beginne schon mit der Schulwahl. "Wie viele Eltern klagen, weil ihre Kinder es am Gymnasium nicht packen. Ich glaube, dass sich diese Kinder nicht quälen sollten, weil es andere Möglichkeiten gibt als Abi und Studium. Und die müssen nicht weniger erfolgreich sein."

Der Philosophie-Professor begegnet vielen jungen Leuten, die ihr Glück an einer Hochschule suchen, mit den Anforderungen aber überfordert sind. "Wenn ich schon in den ersten Referaten merke, dass ein junger Mensch nicht geeignet ist, halte ich es für meine Pflicht, ihn darauf hinzuweisen", sagt der frühere Kulturstaatsminister mit SPD-Parteibuch. Er fordert darum: "Schluss mit dem Akademisierungswahn!"

Auch Wirtschaftsvertreter sprechen von einer Schieflage im Bildungssystem. "Das gesellschaftliche Ansehen von Menschen mit beruflicher Bildung ist schlechter als von Akademikern, obwohl gerade diese Menschen die Träger unseres Wohlstands sind", sagt der Düsseldorfer IHK-Hauptgeschäftsführer Gregor Berghausen. Allerdings könne die Wirtschaft allein gegen diesen gesellschaftlichen Trend kaum angehen: "Man kann Schulabgänger ja nicht zur Lehre überreden." Auch Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, hält es für bedenklich, dass durch die Reform an den Universitäten "viele hybride Studiengänge" geschaffen wurden, "die weder Fisch noch Fleisch sind und in denen man alles und nichts lernt". In der handwerklichen Ausbildung sei die Wissensvermittlung dagegen auf die Praxis ausgerichtet, werde unter Wettbewerbsbedingungen und im direkten Kontakt mit Kunden vermittelt. Damit bereite sie junge Menschen direkt auf die Realität der Berufswelt vor.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hält es für falsch, berufliche und akademische Bildung gegeneinander auszuspielen. "Beide sind gleich viel wert", sagt sie. "Es kommt darauf an, dass wir junge Menschen in die Lage versetzen, am Ende ihrer Schullaufbahn eine gut begründete Berufsentscheidung zu treffen." Auch Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) will sich auf den Kampf "Master gegen Meister" nicht einlassen. Fachkräfte seien ebenso Mangelware wie Akademiker in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern. "Wir müssen jedes Talent, das wir haben, finden und fördern", sagt Schulze. "Diskussionen um eine zu hohe Quote von diesem oder jenem Ausbildungsweg helfen da nicht weiter."

Quelle: RP
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