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Analyse
Landärzte dringend gesucht

Düsseldorf/Berlin. Während die bundesweiten Zahlen unter Experten umstritten sind, zeichnet sich für die ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens ein deutlicher Hausarzt-Mangel ab. 50 000 Euro Prämie für Hausärzte lösen das Problem nicht. Von Detlev Hüwel und Birgit Marschall

Kritik und Spott zog NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) zu Jahresbeginn auf sich, als er mit Blick auf die zunehmende Zahl ausländischer Ärzte erklärte, es wäre gut, wenn mehr Patienten Englisch sprechen könnten. Das war zumindest missverständlich, weshalb Schneider rasch nachsetzte, dass in deutschen Kliniken und Arztpraxen natürlich Deutsch gesprochen werden müsse.

Dennoch trifft es zu, dass immer mehr Mediziner aus dem Ausland zu uns kommen. 2012 waren es im Bereich der Ärztekammer Nordrhein bereits 2680 Frauen und Männer. Die Mehrzahl stammt aus Griechenland, gefolgt von Rumänen und Österreichern. Bei einem Besuch in Düsseldorf bekräftigte der griechische Botschafter im vorigen Jahr das große Interesse seines Landes daran, junge Ärztinnen und Ärzte nach NRW schicken zu können, nachdem sie in ihrer Heimat berufsbezogene Deutschkurse absolviert haben. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) lobt das Pilotprojekt, das auch von der Bundesregierung unterstützt wird: "Diese Partnerschaft ist eindeutig ein Gewinn für beide Länder."

Wer weiß – vielleicht eröffnen die griechischen Ärzte nach ihrer Fachausbildung im Krankenhaus eines Tages eine Praxis auf dem Land in NRW, denn dort werden Hausärzte zunehmend rar. Nach einer Übersicht des Gesundheitsministeriums droht in 69 Gemeinden ein akuter Mangel (siehe Info-Kasten), weil die Ärzte die Ballungszentren den eher dünn besiedelten und daher weniger lukrativen ländlichen Regionen vorziehen.

Diese Entwicklung ist schon seit Jahren absehbar. Der ehemalige NRW-Gesundheitsminister Karl Josef Laumann (CDU) hatte deshalb eine Prämie ausgelobt: 50 000 Euro aus der Landeskasse als Starthilfe für denjenigen Mediziner, der "auf dem Land" eine Hausarztpraxis betreibt. Rot-Grün hat den Fördertopf zwar um eine Million Euro auf 2,5 Millionen pro Jahr aufgestockt, doch der Mangel lässt sich damit nicht beheben. Auf mittlere Sicht sind nach Ministeriumsangaben weitere 48 Gemeinden in ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens gefährdet.

"Natürlich reichen solche Programme alleine nicht aus", räumt Ministerin Steffens ein. Sie sieht einen Großteil der Schuld beim Bund: "Hätte die alte Bundesregierung den Ländern mit der ärztlichen Selbstverwaltung eine gemeinsame, verbindliche Planungskompetenz zugestanden, wären wir bei der langfristigen Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung heute bestimmt schon viel weiter." So aber fehle dem Land "nach wie vor einiges an Kompetenz, um die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum entscheidend mitbeeinflussen zu können". Die ehemalige schwarz-gelbe Bundesregierung habe auch den Vorschlag mehrerer Bundesländer zurückgewiesen, in das Medizinstudium ein Pflicht-Praktikum in Allgemeinmedizin zu integrieren, um angehende Ärzte frühzeitig für diesen Berufsweg zu gewinnen.

Die CDU-Landtagsfraktion hat im vergangenen Jahr in ihrem Antrag "Hausärztliche Versorgung in allen Landesteilen sicherstellen" betont, dass der absehbare Ärztemangel nicht im fehlenden Interesse junger Menschen am Medizinstudium und am ärztlichen Beruf zu suchen sei. "Im Gegenteil: Der Arztberuf ist unverändert attraktiv für junge Menschen." Verantwortlich für den sich abzeichnenden Mangel an Landärzten sei vielmehr "schwerwiegendes Politikversagen". Die Politik müsse gegensteuern, wenn es den ärztlichen Selbstverwaltungsorganen nicht gelinge, eine ausreichende, flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Doch davon sei in NRW nichts zu bemerken, kritisierte die Union.

Die beunruhigende Entwicklung bei der Hausarzt-Versorgung bereitet auch den Krankenkassen Sorge. Nur elf Prozent aller Ärzte, die heute die Universitäten verließen, wollten noch Hausärzte werden, heißt es. Für angehende Hausärzte werde an den Universitäten eine Art Hindernisparcours aufgestellt, moniert der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), Johann-Magnus von Stackelberg. Die Mediziner müssten zu viele Hürden überwinden. Auch setzten die Universitäten zu sehr auf Spitzenforschung und zu wenig auf die praktische hausmedizinische Ausbildung. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, beklagt aber auch eine "künstliche Verknappung" der Studienplätze. Vor 1989 habe es noch 12 000 Plätze an den Hochschulen gegeben; jetzt seien es nur noch 10 000.

Durch die Weitergabe von Arztpraxen in attraktiven Regionen werde die Ungleichverteilung zementiert, kritisiert von Stackelberg. Auch hier müsse es Veränderungen geben. Die Kassen werben dafür, dass künftig mehr Ärzte als Angestellte in Gemeinschaftspraxen oder Tageskliniken arbeiten sollten. "Wir müssen wegkommen vom Einzelkämpfertum", sagt von Johann-Magnus von Stackelberg.

Der durchschnittliche Jahresgewinn einer Arztpraxis lag laut GKV 2011 bei 166 000 Euro. Allgemeinärzte erreichten aber nur 138 000 Euro im Durchschnitt. Die Vergütung sei in den vergangenen Jahren spürbar angestiegen, so die GKV. Bundesweit nahm sie zwischen 2007 und 2013 um 23 Prozent zu, in Westfalen sogar um 26 Prozent.

Fazit: Es gibt hinsichtlich der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum kein Erkenntnisproblem mehr, es gibt offenbar aber ein gravierendes Problem beim Gegensteuern. Im CDU-Papier heißt es dazu: "Wenn nicht sofort gehandelt wird, steuern wir – gerade auch angesichts der demografischen Entwicklung mit dem zunehmenden Anteil älterer und alter Menschen – auf einen medizinischen Versorgungsnotstand zu, der unverantwortlich ist."

Quelle: RP
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