Elf Jahre nach den Bomben im Flugzeug: Lockerbie: Prozessauftakt gegen zwei Libyer
zuletzt aktualisiert: 02.05.2000 - 14:19Kamp Zeist (dpa). Mehr als elf Jahre nach dem Sprengstoffanschlag auf ein Großraumflugzeug über der schottischen Stadt Lockerbie (Archivbild) hat die schottische Justiz alle Vorbereitungen für den Prozess gegen zwei Angeklagte aus Libyen abgeschlossen. Im früheren Militärlager Kamp Zeist in den Niederlanden müssen sich von Mittwoch an zwei Mitglieder des libyschen Geheimdienstes für den Anschlag vom 21. Dezember 1988 verantworten. Damals waren 270 Menschen ums Leben gekommen. Das Verfahren soll etwa ein Jahr dauern.
"Der Prozess wird so weit wie möglich der normalen schottischen Rechtspraxis entsprechen", versicherte am Dienstag ein Sprecher der schottischen Justiz. Dass die Justiz diesmal nicht in Schottland tagt, ist das Ergebnis jahrelangen Tauziehens auf internationaler Ebene. Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi wollte seine beschuldigten Landsleute nur dann der Justiz übergeben, wenn das Verfahren nicht in Großbritannien oder in den USA stattfände, sondern in einem "neutralen Land". Schottland leitete seine Zuständigkeit vom Tatort des Anschlags ab. Aus den USA stammten Zweidrittel aller Opfer.
Die Anklage wirft Abdel Bassit Ali el Mikrahi (44) und Amin Chalifa Fuheima (48) vor, als Mitglieder des libyschen Geheimdienstes zur Unterstützung terroristischer Vorhaben für die Zerstörung des Flugzeuges und den Mord an den Insassen verantwortlich zu sein. Ersatzweise werden sie beschuldigt, Zeitzünder und Plastiksprengstoff zur Zerstörung eines Flugzeuges und Ermordung seiner Insassen beschafft und getestet zu haben. In einer zweiten Alternative wird ihnen als Mitgliedern des Geheimdienstes vorgeworfen, gegen die Bestimmungen zur Sicherheit des internationalen Luftverkehrs verstoßen zu haben, weil sie Sprengmittel besorgt und einen Koffer mit der Bombe an Bord geschleust haben sollen.
Gefängnis in den Niederlanden wurde eigens errichtet
Abweichend von der schottischen Rechtspraxis müssen sich Amin Chalifa Fuheima und Abdel Bassit Ali el Mikrahi nicht vor einer Jury verantworten, die normalerweise über schwere Straftaten urteilt, sondern vor drei Richtern. Im eigens errichteten Gefängnis werden die Häftlinge seit ihrer Ankunft in Kamp Zeist im April 1999 von schottischen Gefängniswärtern und Polizisten bewacht. "Sie werden behandelt wie jeder Häftling in Schottland", versicherte Eddie Gordon vom Gefängnisdienst aus Edinburgh.
Zum Verfahren werden neben vielen Angehörigen der Opfer und der Angeklagten sowie Medienvertretern aus aller Welt Beobachter der Vereinten Nationen erwartet. Alle indirekt Beteiligten sollen entweder im Gerichtssaal oder über Fernsehübertragung in Nebenräumen der Verhandlung folgen können. Zeitversetzt und nur für ausgewählte Teilnehmer wird es zeitweilig auch Übertragungen nach Washington, New York, London und Dumfries (Schottland) geben.
Mehr als 1000 Zeugen werden erwartet
Die Anklage hat bereits angekündigt, mehr als 1 000 Zeugen zu laden. Sie hat mehr als 1 500 Dokumente und 550 weitere Beweismittel vorgelegt. Über den Inhalt wurde vorab nichts bekannt gemacht. Die Verteidigung will 119 Zeugen laden.
Vor Beginn des Prozesses ist in zahlreichen Veröffentlichungen bezweifelt worden, dass die beiden Libyer die Tat begangen haben. Kurz nach dem Anschlag hatten sich auch die Ermittlungen auf Täter mit Verbindungen nach Iran konzentriert. Anlass dafür war der vorangegangene versehentliche Abschuss eines iranischen Passagierflugzeuges durch ein US-Kriegsschiff. Nach dem Vorfall vom 3. Juli 1988, bei dem 290 Menschen umgekommen waren, hatte Iran Rache angedroht. Im November 1991 stellten die schottische und die amerikanische Justiz aber Haftbefehle gegen die jetzt Angeklagten aus.
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