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Kabul
Machtvakuum nach Tod des Taliban-Chefs in Afghanistan

Kabul. Wer übernimmt nun die Führung der Terrorgruppe? Experten befürchten, dass sogar noch radikalere Kräfte die Oberhand gewinnen. Von Christine Möllhoff

Gerade zehn Monate, seit Ende Juli 2015, stand Mullah Achtar Mansur offiziell an der Spitze der afghanischen Taliban. Nun hat ihn offenbar eine US-Drohne erwischt, als er am Samstag im Auto in der pakistanischen Provinz Belutschistan nahe der afghanischen Grenze unterwegs war. Der Taliban-Chef sei tot, erklärten Afghanistans Regierungschef Abdullah Abdullah und der Geheimdienst. Die USA äußerten sich zunächst vorsichtiger, bestätigten aber, dass US-Präsident Barack Obama persönlich den Drohnenangriff auf Mansur angeordnet hatte. Laut Medienberichten sind zwei Männer in dem bombardierten Auto bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Der Tod ihres Führers könnte die Taliban nun erneut in blutige Kämpfe um die Nachfolge stürzen. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP bestätigte der Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Rauf Mansurs Tod. Dagegen erklärten andere Taliban in einer Botschaft: "Er lebt. Da war kein Anschlag auf ihn."

Die USA werteten den möglichen Tod Mansurs, der zwischen 1960 und 1970 in der Provinz Kandahar geboren wurde, als Erfolg. Doch Experten bezweifeln, dass dies die Taliban militärisch schwächt. Die entscheidende Frage ist, wie sich Mansurs Tod auf die erhofften Friedensgespräche auswirkt. Seit Monaten bemüht sich eine Vierergruppe aus Afghanistan, Pakistan, China und den USA, die Taliban an den Verhandlungstisch zu holen.

Doch die weigern sich. Die USA und Afghanistan machten Mansur dafür verantwortlich. Er habe den Taliban verboten, an Gesprächen teilzunehmen. Mansur habe Friedensbemühungen im Wege gestanden und sei eine "unmittelbare Bedrohung" gewesen, erklärte US-Außenminister John Kerry. Ähnlich äußerte sich Afghanistan. Beide Länder hoffen offenbar auf neue Chancen für Gespräche.

Als möglicher Nachfolger Mansurs käme sein Stellvertreter, Sirajuddin Hakkani, infrage, der das Hakkani-Netzwerk führt. Hakkani gilt als skrupellos und als Gegner jedweder Friedensgespräche. Seiner Terrorgruppe werden viele besonders blutige Anschläge angelastet. Afghanistans Geheimdienst vermutet auch das Hakkani-Netzwerk hinter dem Anschlag vom 19. April in Kabul, bei dem 64 Menschen getötet und 347 Menschen verletzt wurden. Aber auch der Bruder und der Sohn des legendären Taliban-Führers Mullah Omar, Mullah Abdul Manan und Mullah Yaqub, könnten den Chefposten erklimmen.

Seit die Nato Ende 2014 die meisten ihrer Truppen abzog, hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan massiv verschlechtert. Experten zufolge sind mehr als 100 der rund 400 Bezirke unter Kontrolle der Taliban oder zumindest umkämpft. Die Zahl der zivilen Opfer stieg 2015 mit mehr als 11.000 Toten und Verletzten auf den höchsten Stand seit Sturz der Taliban 2001.

Quelle: RP
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