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Hunderttausende Muslime neu in Deutschland
Mehr Moscheen für islamische Flüchtlinge?

Berlin. Die Flüchtlingsdynamik stellt auch für die muslimischen Gemeinden in Deutschland eine neue, ungeahnte Herausforderung dar. Bereits 2014 beantragten fast 130.000 Muslime Asyl in Deutschland. Ihre Zahl dürfte in diesem Jahr ein Vielfaches davon betragen. Müssen dafür mehr Moscheen gebaut werden? Von Gregor Mayntz

Besonders in den Gemeinden mit arabischem Hintergrund stellten sich viele Ehrenamtliche in diesen Tagen als "Übersetzer, Deutschlehrer, Seelsorger und Tröster" zur Verfügung, berichtet Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Sie organisierten das Freitagsgebet in Flüchtlingsunterkünften und stellten Schlafplätze in ihren Moscheen zur Verfügung.

Mazyek plädiert für eine doppelte Anstrengung zur schnelleren Integration der vielen Flüchtlinge: Einerseits müsse es viel mehr Deutschkurse geben, am besten mit Software für die Smartphones der Flüchtlinge. Zum anderen sollte das Grundgesetz auf Arabisch zur Verfügung gestellt werden. Auf dieser Grundlage könnten die schon hier lebenden Muslime ihren zugereisten Glaubensbrüdern begreiflich machen, wie diese Gesellschaft "tickt".

Der viel beschworenen Aussicht, dass sich Deutschland durch diese Flüchtlingsbewegung verändern werde, stellt FDP-Chef Christian Lindner ein Festhalten an den unveräußerlichen Kennzeichen einer "objektiven liberal Wertordnung" entgegen. "Nicht Deutschland muss sich zuerst verändern, sondern die Flüchtlinge werden sich verändern müssen", lautet seine Forderung. Und dabei verweist er nicht zuletzt auf die selbstverständlichen Frauenrechte und die Normalität, als schwules Paar Händchenhaltend durch die Stadt zu flanieren. Einiges sei für manche Muslime durchaus "gewöhnungsbedürftig", räumt Mazyek ein.

Integrationshilfe mit beträchtlichem Veränderungswillen zeichnete die Hilfe Saudi-Arabiens für die muslimischen Gläubigen in Bosnien nach dem Bürgerkrieg aus. Vor dem blutigen Kämpfen war Sarajewo von einem liberalen Nebeneinander der Religionen geprägt. Nach der Belagerung der Stadt und den Massakern an den vornehmlich muslimischen Zivilisten bestimmen nun zahlreiche hinzugekommene Minarette und Moscheen das Bild einer zu 80 Prozent muslimisch gewordenen Stadt. Viele islamische Eiferer predigen Augenzeugenberichten zufolge zu den Gläubigen. Angeblich ist aus Saudi-Arabien eine Milliarde Dollar in Bosnien investiert worden, um 158 Moscheen, dazu zahlreiche Büchereien und Kindergärten, zu bauen, um den islamischen Einfluss zu festigen.

Auch die entwurzelten syrischen Glaubensbrüder sollen mit saudischer Hilfe nun eine neue Heimat finden. Nach libanesischen Quellen wollen die Saudis zwar weiterhin keine Flüchtlinge aus der Region in ihrem eigenen Land aufnehmen, aber offenbar Geld für den Bau von 200 zusätzlichen Moscheen in Deutschland bereit stellen.

Unions-Fraktionsvize Franz Josef Jung, zugleich Religionsbeauftragter von CDU und CSU, lehnt das Ansinnen ab. Saudi-Arabien solle besser Flüchtlinge aufnehmen, wenigstens aber an Stelle von Moscheen in Deutschland Flüchtlingslager in der Region finanzieren. Er begrüße es zudem, wenn muslimische Gemeinden in Deutschland unabhängig seien und sich selbständig aufstellten. Dies trage dazu bei, dass Muslime sich hier zu Hause fühlen und ihren eigenen Weg inmitten unserer Gesellschaft finden könnten. Jung fragt sich in diesem Zusammenhang, "ob es auf Dauer gut ist, wenn beispielsweise Imame aus dem Ausland finanziert und von dort entsandt werden". Auch das Predigen auf Deutsch sollte nach Jungs Ansicht Alltag in jeder Moschee werden.

"Wenn Saudi-Arabien keine Flüchtlinge aufnehmen möchte, muss es in Deutschland auch nicht durch Moscheebauten eine Art Ablasshandel betreiben", sagt auch Grünen-Religionsexperte Volker Beck. Wenn das Land sich humanitär zeigen wolle, müsse es Geld für Flüchtlinge unabhängig von Herkunft und Religion zur Verfügung stellen. "Alles Andere ist zynisch",. so Beck.

Der Grünen-Politiker erinnert daran, dass der Zentralrat der Juden in den letzten 25 Jahren dabei unterstützt worden sei, russische Kontingentflüchtlinge zu integrieren. Ähnliches müsse nun für die Integration von Muslimen für die Moscheegemeinden und muslimischen Organisationen gelten. "Die Deutsche Islamkonferenz sollte dafür der Ort der Debatte sein", sagt Beck und regt eine Sondersitzung an. Zuständig dafür wäre der Innenminister, von dem jedoch "bislang wenig Sinnvolles" gekommen sei.

Die SPD-Religionsbeauftragte Kerstin Griese sieht für die Integration muslimischer Flüchtlinge nicht in erster Linie den Bau von Moscheen. "Das ist keine Frage der Gebäude, sondern der Menschen, die bei uns in Deutschland für den Islam stehen und ihn verkünden." sagt Griese. Es sei besonders wichtig, islamischen Religionsunterricht in allen Schulen anzubieten und die universitäre Ausbildung von Imamen und Islamwissenschaftlern auszuweiten. "Dabei kann uns Saudi-Arabien in keiner Weise helfen", stellt Griese klar.

Quelle: RP
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