| 09.57 Uhr

Berlin
Merkels Navigator

Berlin: Merkels Navigator
Immer im Schatten, aber dennoch im Herzen der Macht: Merkel-Berater Christoph Heusgen (61). FOTO: dpa
Berlin. Christoph Heusgen ist Chefstratege der Kanzlerin für außenpolitische Fragen. Der gebürtige Neusser berät sie seit ihrem Amtsantritt. Von Eva Quadbeck

Das Büro von Christoph Heusgen liegt im vierten Stock des Kanzleramts. Er leitet die Abteilung zwei für Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Sein Büro ist schlicht eingerichtet: ein Holzschreibtisch und eine schwarze Ledergarnitur für Gespräche mit Gästen. Ein paar persönliche Gegenstände verraten, was dem rheinischen Katholiken wichtig ist: Heimat und Fußball, das Neusser Schützenfest und Bayern München.

In einer Welt voller Krisen und Konflikte analysiert Heusgen für die Kanzlerin die Interessen anderer Nationen, plant ihre Auslandsreisen und begleitet sie. Wenn Merkel nach einer Woche voller Koalitionsknatsch zu einer Auslandsreise in die Maschine der Flugbereitschaft steigt, hat Heusgens Abteilung für sie einen Ordner vorbereitet mit Informationen zum Land, zur politischen und wirtschaftlichen Lage, zu den Gesprächspartnern und zu den Gesprächsinhalten. Die Details stimmen sie auf dem Hinflug ab.

Bei Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs sitzt der außenpolitische Berater immer dabei. Auf diesen Reisen bekommt die Regierungsdelegation wenig Schlaf und muss permanent aufmerksam sein. Merkel ist diesbezüglich für ihre sagenhafte Kondition bekannt. Da trifft es sich gut, dass Heusgen als Hobby Marathonlaufen angibt.

Die außen- und sicherheitspolitischen Berater der Staatenlenker rund um den Globus sind Heusgens Ansprechpartner. Er schafft neue Kommunikationskanäle für die Kanzlerin. Stehen in Ländern wie den USA Wahlen an, knüpft er Kontakte zum Umfeld der Kandidaten.

Bei Reisen in Länder, die gegen die Standards von Freiheit und Demokratie verstoßen, tariert er im Vorfeld aus, wie und in welcher Deutlichkeit Merkel dies anspricht. In der deutschen Außenpolitik gehört es zur festen Regel, das Thema nicht auszusparen. Heusgen muss auch im Blick haben, was der Kanzlerin wichtig ist: die Wettbewerbsfähigkeit und das Ansehen Europas sowie die Frage, wie Demokratie gegen die wachsende Zahl totalitärer Staaten nicht in die Defensive gerät.

In diplomatisch schwierigen Fragen reist der 61-Jährige auch schon mal alleine - wie 2013 während der NSA-Abhöraffäre. Sein großer Vorteil: Er agiert völlig geräuschlos. Und der Berater bucht als Alleinreisender Linie. Jenseits öffentlicher Aufmerksamkeit räumt er Missverständnisse aus. "Es ist eine intellektuelle Herausforderung, sich und seine eigenen Einschätzungen auch immer wieder zu hinterfragen", sagt Heusgen.

Die Eigenschaften "Geräuschlos", "Unsichtbar" und "Verschwiegen" gehören - abgesehen vom Regierungssprecher - zur Jobbeschreibung für Merkels engsten Beraterstab. Zu diesem Kreis zählen ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Berater für Wirtschafts- und Finanzpolitik, Lars-Hendrik Röller, sowie für Europapolitik, Uwe Corsepius, nicht zuletzt Medienberaterin Eva Christiansen. Merkel verabscheut Indiskretion. Ihre Leute respektieren das zu 100 Prozent. Selbstverständlich reden ihre Berater auch mit Journalisten, informieren zu Sachthemen und erklären die Sicht der Kanzlerin. Sie vermeiden es aber penibel, öffentlich in Erscheinung zu treten oder gar heiße Nachrichten zu streuen.

Bevor CDU-Mitglied Heusgen 2005 ins Kanzleramt wechselte, war er zunächst Büroleiter von Außenminister Klaus Kinkel (FDP) und danach seit 1999 in Brüssel der Büroleiter von Javier Solana, damals der Hohe Repräsentant für Außen- und Sicherheitspolitik der EU. "Merkel war zu Beginn ihrer Amtszeit eine emotionale Transatlantikerin. Es ist typisch Merkel, dass sie sich als außenpolitischen Berater einen so nüchternen Europa-Kenner ausgesucht hat", sagt einer, der Merkel und Heusgen gut kennt und beide sehr schätzt. Merkel sei halt immer schon darauf bedacht gewesen, Gleichgewicht herzustellen.

Heusgens Einfluss auf die Kanzlerin muss man sich wie den eines Navigationsgeräts auf einen Autofahrer vorstellen. Der 61-Jährige kennt den Weg rund um die Welt und auch die diplomatischen Ausweichrouten. Nach rationalen Kriterien empfiehlt er einen Kurs, sie entscheidet und steuert, wo es am Ende langgeht. Im Arbeitsalltag stehen die beiden täglich im Kontakt - telefonisch und persönlich. Heusgen, der so lange wie kaum ein anderer Berater für Merkel arbeitet, schätzt an der Kanzlerin ihre rationale Art, die Welt zu betrachten. Auf internationalem Parkett schauen die Berater anderer Staatenlenker durchaus mal neidvoll zu den Deutschen herüber, deren Regierungschefin wenig Aufhebens um die eigene Person macht, zuhören kann und sich gerne beraten lässt.

Anders als andere Merkel-Vertraute wie die frühere Staatsministerin Hildegard Müller und der einstige Kanzleramtschef Ronald Pofalla zieht Heusgen nichts auf einen neuen lukrativen Posten in der Wirtschaft. "Ich bin Ökonom, habe in St. Gallen studiert. Da ist man prädestiniert, einen gut dotierten Posten in der Wirtschaft anzunehmen. Ich wollte aber eher für etwas Ideelles arbeiten, und deswegen habe ich mich früh für den Auswärtigen Dienst begeistert und damit die Möglichkeit, für das Land, für die Interessen der deutschen Außenpolitik zu arbeiten", sagt er.

Überraschend bei Heusgen ist, dass er nicht nur dafür lebt, Kanzlerberater zu sein, was in seiner Position nichts Ungewöhnliches wäre. Bevor er morgens ins Kanzleramt kommt, hat er schon seine beiden Kinder in die Kita gebracht. Wetten kann man darauf abschließen, dass die Kanzlerin grundsätzlich am letzten Augustwochenende keine Auslandsreisen unternimmt. Denn dann startet im rheinischen Neuss das Schützenfest. Der Mann, der ihre Reisen organisiert, sagt über dieses Ereignis: "Das ist das wichtigste Datum im Jahr." In 35 Jahren Politikberatung, auch auf Stationen in Chicago, Paris und Brüssel, hat er das Neusser Schützenfest nicht ein einziges Mal versäumt.

Wenn er vom Neusser Schützenfest erzählt, gerät der nüchterne Beamte, der sich im Alltag allenfalls ein wenig Ironie als Gefühlsregung gönnt, regelrecht ins Schwärmen. Jedes Jahr gelingt es ihm, internationale Präsenz für dieses Ereignis ins Rheinland zu locken. In diesem Jahr kam der amerikanische Botschafter John B. Emerson. Auch der französische, der britische und der chinesische Botschafter waren bei dem jährlichen Großereignis der Neusser schon dabei. Neuss ist Heusgens Heimat. Seine Eltern führten im Herzen der Stadt eine Apotheke, die heute seine Schwester betreibt. Beim Schützenfest trifft er alte Freunde aus Schultagen und vom Fußballspielen. Von ihnen hört er, was normale Bürger über Merkels Politik denken. Das empfindet er auch als hilfreich für seinen Job.

Wenn in Neuss das Schützenfest läuft, schrammt die Regierung nur knapp an der Handlungsunfähigkeit vorbei: Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe und Finanzstaatssekretär Johannes Geismann, der früher auch im Kanzleramt arbeitete, lassen in Berlin dafür alles stehen und liegen. Das Brauchtum in Neuss dürfte eines der wenigen Themen sein, bei denen sich Merkel und ihr Berater nicht blind verstehen: Diese Art der Leidenschaft ist der Kanzlerin fremd.

Der Beitrag ist zuerst im Magazin "politik&kommunikation" erschienen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Berlin: Merkels Navigator


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.