Rumänien: Mit der Union aus der Isolation
zuletzt aktualisiert: 21.01.2000Bukarest (dpa). Rumänien hat schon immer zu Europa gehört, doch der alte Kontinent wollte dies bisher nicht zur Kenntnis nehmen. Dieses Gefühl beherrschte bislang die Mentalität des 22-Millionen-Volkes an der Donaumündung und am Karpatenbogen. Jetzt eröffnet sich mit der Einladung zu Verhandlungen für einen Beitritt in die Europäische Union (EU) erstmals die Perspektive, endlich dazu zu gehören. Rumänien tritt aus seiner Isolation heraus. Dabei gilt es als unerheblich, ob der Weg zehn oder 20 Jahre dauert. Wichtig sei das Ziel, so die einhellige Meinung der Bürger.
Die kulturelle und politische Randlage an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, aber auch der Status als Spielball der Weltmächte hat das Selbstverständnis der Rumänen seit ihrer Herausbildung als Volk geprägt und für manchen Minderwertigkeitskomplex gesorgt. 500 Jahre lang trugen Österreich, Ungarn, Polen, Russland und das Osmanische Reich ihre Interessenkämpfe auch auf rumänischem Boden aus und bestimmten die Machtverhältnisse in den damals getrennten rumänischen Fürstentümern Siebenbürgen, Moldau und Walachei. Die Einflüsse dieser Kulturen sind noch heute in Sprache, Küche und Architektur gegenwärtig und haben Rumänien zu einem besonderen Gebilde auf dem Balkan gemacht.
Auf dem Territorium im und um den Karpatenbogen herum wird eine romanische Sprache gesprochen, die auf die Besetzung durch die Römer vor 2000 Jahren zurückgeht. Dieses Idiom mit lateinischer Struktur und Wortschatz hat sich wundersamerweise erhalten, obwohl in den Nachbarländern im Norden und Süden slawische Völker leben.
Von besonderer Art war auch der Kommunismus in dem nach Polen größten Land des früheren Ostblocks. Anderswo forderte die Herrschaft des Marxismus, Leninismus und Stalinismus mehr Todesopfer, in Rumänien aber trieb die Diktatur des 1989 gestürzten und hingerichteten Nicolae Ceausescu die absurdesten und Menschen verachtendsten Auswüchse.
Von den Weltmächten betrogen, von den Kommunisten gegängelt, sehen sich die Rumänen bislang als ausgesperrt und missachtet - und das nicht nur vor den Toren der westlichen Botschaften mit ihren als demütigend empfundenen Visaverfahren. Nach zehn Jahren missglückten und verzögerten Reformen schien auch Rumäniens Schicksal als Armenhaus Europas besiegelt. Das Signal der EU gibt jetzt erstmals wieder Hoffnung, dass die als Gefangenschaft empfundene Aussperrung durch den Westen aufgehoben wird.
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