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Gewalt durch Gangs in Venezuela
Mitten im Dschungel der Gewalt

Gewalt durch Gangs in Venezuela: Mitten im Dschungel der Gewalt
Ein Polizist auf Streife in Caracas. Doch gegen die schwer bewaffneten Gangs stehen die Beamten auf verlorenem Posten. FOTO: dpa
Caracas. Die Gewalt in dem südamerikanischen Land eskaliert. Die Polizei in der Hauptstadt Caracas ist den zahlreichen Gangs hoffnungslos unterlegen. Grund sind auch die Waffen, die die Regierung einst selbst in Umlauf gebracht hat. Von Tobias Käufer

Es sollte eine Versöhnungsreise werden: Mónica Spear und ihr britischer Ehemann Thomas Henry Berry wollten es noch einmal miteinander versuchen. Der fünfjährigen Tochter zuliebe, die mit im Auto sitzt, als aus dem Versöhnungsurlaub des lange getrennten Paares plötzlich ein Alptraum wird. In der Nähe der venezolanischen Stadt Valencia hat die Familie eine Autopanne. Sie muss anhalten und ruft einen Pannendienst um Hilfe. Für ein paar Minuten nur steht sie am Straßenrand. Das reicht, um die Aufmerksamkeit einer Bande zu erregen, die versucht, das Ehepaar auszurauben. Die Opfer flüchten sich ins Wageninnere, aber es hilft ihnen nichts: Der graue Wagen wird durchsiebt von Schüssen, das Ehepaar geradezu hingerichtet. Auch die kleine Tochter wird im Kugelhagel verletzt.

Solche brutalen Überfälle sind in Venezuela an der Tagesordnung. Ungewöhnlich war diesmal nur die Prominenz der Opfer. Der Doppelmord an Mónica Spear und Thomas Henry Berry erschütterte zu Jahresbeginn ganz Venezuela, denn die junge hübsche Frau war für viele ihrer Landsleute so etwas wie ein Familienmitglied. Jeden Abend, wenn die in Südamerika beliebten Telenovelas über die Bildschirme flimmern, kommt die Schauspielerin zu ihnen in die Wohnzimmer und verdrängt für einen Moment die Sorgen und Nöte des Alltags. Seit zehn Jahren verfolgen ihre Landsleute den Lebensweg der Frau aus Maracaibo. 2004 wurde sie zur Miss Venezuela gewählt und avancierte damit zum Superstar. In keinem anderen Land der Welt hat die Wahl zur nationalen Schönheitskönigin einen derart hohen Stellenwert wie in Spears Heimat. Die Liveübertragungen erreichen Rekord-Einschaltquoten, der Gewinnerin winkt eine Karriere als Werbeikone und Medienfigur.

Es ist nun dieser eine Mord zu viel, der die Regierung von Präsident Nicolas Maduro massiv unter Druck setzt. Denn um die allermeisten Opfer der Gewalt in Venezuela, die nicht so bekannt sind wie Mónica Spear, wird kaum Aufhebens gemacht. Kurz vor dem Jahreswechsel hatte die Bürgerrechtsorganisation OVV eine Statistik veröffentlicht, die den täglichen Horror in Zahlen fasst: Demnach sind 2013 mehr als 24 500 Menschen in Venezuela ermordet worden. Kein anderes Land in Südamerika, nicht einmal das vom Drogenkrieg rechter Paramilitärs und linker Guerilleros geschundene Kolumbien, kommt auf eine solch hohe Mordrate. Die sozialistische Regierung versucht das Thema kleinzureden. Venezuelas Tourismusminister Andrés Izarra kommentierte zuletzt zynisch, in Venezuela würden keine Menschen aufgehängt unter Brücken wie in Mexiko, auch gebe es keine Massaker wie in Kolumbien. Da war die prominente Mónica Spear freilich noch am Leben und auch der unbekannte deutsche Urlauber, der Anfang Februar auf der venezolanischen Karibikinsel Isla Margarita getötet wurde. Der 76-Jährige war mit dem Kreuzfahrtschiff "Aida" in der Karibik und nahm an einem Landgang teil, als er bei einem Raubüberfall in einem Einkaufszentrum im Inselhauptort Porlamar erschossen wurde.

Der Tageszeitung "El Universal", eine der wenigen regierungskritischen Publikationen, die ihre Lizenz wegen regierungskritischer Arbeit noch nicht verloren haben, drohte Präsident Maduro vor wenigen Wochen wieder einmal mit gravierenden Konsequenzen. Das Blatt aus Caracas berichtet unter Lebensgefahr der recherchierenden Redakteure ausführlich über die völlig aus dem Ruder gelaufene Gewalt. Die staatlichen Mainstream-Medien, kontrolliert und finanziert von den regierenden Sozialisten, verbreiten eine bequemere Wahrheit. Innen- und Justizminister Manuel Rodríguez Torres widerspricht den Zahlen von OVV und wirft den Bürgerrechtlern Fälschung aus politischer Motivation vor. Die Mordrate sei im vergangenen Jahr dank eines staatlichen Plans sogar um 17 Prozent zurückgegangen. OVV-Chef Roberto Briceño León hatte sich in der Kommission für Sicherheitsfragen des Oppositionsbündnisses Tisch der Demokratischen Einheit (MUD) engagiert und arbeitete am Regierungsprogramm des MUD-Präsidentschaftskandidaten Henrique Capriles Radonski mit. Das reicht in Venezuela, um von den staatlichen Medien und der Regierung als Lügner verteufelt zu werden.

Das Problem der völlig aus dem Ruder gelaufenen Gewalt löst das aber nicht. Das tägliche Grauen hat für alle Venezuelaner nach dem spektakulären Mord an Spear ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte. Am Tag nach der Bluttat rief Maduro publikumswirksam eine Runde von Künstlern zusammen, um mit ihnen über den Mord zu sprechen. Später kündigte er eine Befriedungskampagne an. Er werde mit "eiserner Hand" gegen die Kriminalität vorgehen, versprach er da. Auch Vizepräsident Jorge Arreaza beeilt sich, die aufgebrachte Volksseele mit Versprechungen zu beruhigen, und kündigt an, die Anstrengungen zu verdoppeln. Das ist auch bitter notwendig, denn die Mordaufklärungsrate in Venezuela liegt bei unter zehn Prozent. Wer in dem südamerikanischen Land einen Menschen ermordet, hat nicht viel zu befürchten.

Das Thema ist auch deshalb politisch aufgeladen, weil der im vergangenen Jahr verstorbene Revolutionsführer Hugo Chávez eine moralische Mitverantwortung für die wachsende Gewaltkriminalität trägt. Er ließ aus Angst vor einer US-amerikanischen Invasion sozialistische Milizen in Venezuelas Armenvierteln mit Waffen aufrüsten, damit diese die Revolution im Falle des Falles verteidigen. Doch die Amerikaner kamen nicht, und die bis an die Zähne bewaffneten Banden nutzen ihre Feuerkraft nun auf eigene Rechnung. Das ist freilich ein Tabuthema in Venezuela, nichts soll das Image des von den Sozialisten wie ein Heiliger verehrten Chavez trüben.

Der "Comandante Presidente" hat seinem Land zwei historische Vermächtnisse hinterlassen: Er hat als erster Staatschef die Armen ins Zentrum der Politik gerückt. Das ist sein großes Verdienst. Und er hat durch die systematische Bewaffnung seiner Gefolgsleute aus Venezuela das gefährtlichste Land Südamerikas gemacht. Weil die Justiz zudem bis in höchste Stellen mit linientreuen sozialistischen Richtern und Staatsanwälten besetzt ist, hat sich ein rechtsfreier Raum gebildet, der Gewalt durch linke paramilitärische Gruppen zum Zwecke der persönlichen Bereicherung geradezu provoziert. Die sozialistischen Milizen haben sich der staatlichen Kontrolle längst entzogen, nicht einmal die Polizei traut sich in Caracas in die einschlägigen Viertel, sie lässt die roten Banden ungehindert agieren. Bis heute wirft die Opposition der Regierung vor, in genau jenen Vierteln bei Wahlen die Urnen zu platzieren. Die Stimmabgabe wird dabei zur echten Mutprobe.

Die Erfolgsmeldungen, die Innenminister Torres als Reaktion auf die OVV-Statistik Anfang des Jahres lancierte, wurden durch die jüngste Gewalt infrage gestellt. In den sozialen Netzwerken äußerten sich Tausende vor allem junger Venezolaner erschüttert über die Morde an Spear und ihrem Mann. "In Venezuela zu leben ist wie russisches Roulette" schreibt Fabiola Colmenarez, ebenfalls eine ehemalige Miss Venezuela, die sich im Oppositionsbündnis MUD engagiert. Und ihr Schauspielkollege Javier Vidal twitterte: "Wir stecken inmitten eines Dschungels der Gewalt." Der oppositionelle Hauptstadtbürgermeister Antonio Ledezma rief die Regierung dazu auf, wegen der ausufernden Gewalt den nationalen Notstand auszurufen.

(csi)
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