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Spitzenpolitikerinnen
Moderne Trümmerfrauen

Berlin. Theresa May muss tun, was Angela Merkel in der CDU, Hannelore Kraft in NRW und Ellen Sirleaf in Liberia taten: aufräumen. Von Gregor Mayntz und Eva Quadbeck

"Wir haben hier zwei Frauen", sagt die neue britische Premierministerin Theresa May bei ihrem Antrittsbesuch im Kanzleramt und fährt fort: "Zwei Frauen, die einfach ihren Job machen." Von Angela Merkel kommt dazu nur ein Wort: "Genau." Die britische Politik liegt nach dem Brexit in Trümmern, das Vereinigte Königreich droht auseinanderzubrechen. Die Brexit-Anstifter haben sich aus dem Staub gemacht, der Referendums-Verlierer David Cameron nicht minder. Da greift eine Frau beherzt zu, beginnt mit den systematischen Aufräumarbeiten, bricht mit der Tradition, als erstes in die USA zu jetten, sondern startet mit dem Trip zu Merkel. Und trifft damit auf eine andere Frau, die durchgestartet ist, als Männer nicht mehr klarkamen.

Zu besichtigen war das am 16. Oktober 1998. Die Kohl-Regierung war abgewählt, trotzdem wegen der Kosovo-Krise noch mal ein Bundestagsbeschluss in alter Zusammensetzung nötig. Die Riege der besiegten Männer saß apathisch, ziellos, hoffnungslos auf ihren Regierungsstühlen im Bonner Übergangsplenarsaal. Nur eine arbeitete eifrig Akten durch, telefonierte, organisierte. Merkel hatte bereits mit dem Neustart begonnen, da sie wenig später auch offiziell Generalsekretärin der geschlagenen CDU wurde. Sie griff zu und trennte in der Spendenaffäre 1999/2000 die Partei auch mutig vom Patriarchen Helmut Kohl. Mut und Zupacken wurden mit dem Parteivorsitz belohnt, 2005 dann mit der Kanzlerschaft. Nicht zuletzt, weil am Wahlabend ein testosterongesteuerter, abgewählter Kanzler im Fernsehen alle Chancen zunichte machte, die die SPD noch gehabt hätte, um Merkel zu verhindern.

Wenige Monate zuvor waren in Düsseldorf ähnliche Szenen zu verfolgen. Als die SPD in Nordrhein-Westfalen 2005 nach 39 Jahren an der Regierung die Macht an Rhein und Ruhr verlor, flog der Laden buchstäblich auseinander. Der bis dahin amtierende Ministerpräsident Peer Steinbrück setzte sich in die Bundespolitik ab. Landeschef Harald Schartau gab sein Amt ab. Mut und Tatendrang legte eigentlich nur die bisherige Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft an den Tag. Von ihrer Fraktion wurde sie zur Oppositionsführerin gewählt. Anderthalb Jahre später übernahm sie auch noch das Amt als Landeschefin, nachdem ihr Vorgänger Jochen Dieckmann entnervt über die Kritik an seiner Person hingeschmissen hatte.

Wenn man Kraft heute agieren sieht, kann man es sich nur noch schwer vorstellen. Aber sie fegte nicht nur die Scherben auf, die ihr eine bis dahin absolut männlich dominierte Partei hinterlassen hatte, sie baute mit ihrer damals erfrischend direkten, offenen und konstruktiven Art die Partei wieder auf. Mit ihrer Überzeugung, dass Chancengleichheit für Kinder auch langfristig das Wohl des Landes sichern werde, verpasste sie sich selbst schon mal das Image einer Landesmutter. Das schlechte Abschneiden der SPD 2009 im Bund spornte sie erst recht an. Ausgerechnet am Muttertag, dem 9. Mai 2010, musste sie ihre erste Wahl als Spitzenkandidatin der SPD in NRW bestehen. Sie bekam nur 34,5 Prozent, das schlechteste Ergebnis der SPD in NRW seit 1954, und sie lag auch knapp hinter der CDU. Doch im Vergleich zur Bundestagswahl, bei der die SPD nur 23 Prozent erlangt hatte, war ihr eine Sensation gelungen. So konnte sie die Faust recken und als erste Reaktion auf das Wahlergebnis rufen: "Die SPD ist wieder da."

Damit flößte sie auch den deprimierten Genossen auf Bundesebene neuen Mut ein. Das Wahlergebnis war schwierig - keine klare Mehrheit für Rot-Grün. Kraft wagte es, eine Minderheitsregierung zu bilden, die sich auf die Linken stützte, aber auch mit der CDU gemeinsame Sache machte. Zwei Jahre später wurde ihr Modell bei Neuwahlen mit 39,1 Prozent Zustimmung für die SPD in NRW vom Wähler belohnt. Seitdem regiert sie mit eigener rot-grüner Mehrheit. Allerdings ist es ihr nicht gelungen, ihre partei- und machtpolitischen Erfolge von 2005 bis 2012 auch dafür zu nutzen, Nordrhein-Westfalen wirklich voranzubringen.

2005 markiert auch die Wende für eine besonders zertrümmerte Nation: Liberia. 14 Jahre hatte der Bürgerkrieg getobt, in dem grausame Verbrechen verübt wurden. 250.000 Tote, eine Million Flüchtlinge, hoffnungslos zerstörte Infrastruktur - dieses Land brauchte einen völligen Neuanfang. Und es setzte in dieser Situation auf eine Frau: Ellen Johnson Sirleaf, damals 67, gewann die Stichwahl ums Präsidentenamt. Sie hatte viele Jahre im Exil verbracht, Verwaltungserfahrungen als Finanzministerin, dann vor allem im Bankenwesen gesammelt.

Als Merkel sie 2007 besuchte, hatte Johnson Sirleaf 300 Beamte des Finanzministeriums gefeuert und an die Spitze eine Frau gestellt. Auch in Justiz und Polizei verließ sie sich lieber auf weibliche Führung. Konsequent förderte sie nach den männlichen Blutorgien die Ausbildung von Soldatinnen und Polizistinnen. "Ma Ellen" erlangte durch ihre Tatkraft mit spürbaren Fortschritten viel Zuspruch im Land, wurde 2011 mit 90 Prozent wiedergewählt. Im selben Jahr erhielt sie für ihren Einsatz insbesondere für Frauenrechte den Friedensnobelpreis.

Möglicherweise nicht als letzte aus dem Kreis politischer Trümmerfrauen.

Quelle: RP
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