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Rangun
Myanmars Minderheiten merken noch nicht viel vom Wandel

Rangun. Jahrzehntelang wurden die Volksgruppen vom Militär drangsaliert und vertrieben. 130.000 Menschen leben weiter in Flüchtlingslagern. Von Klemens Ludwig

Wenn Sein Li auf die Demokratisierung in seiner Heimat Myanmar angesprochen wird, antwortet er mit einem gequälten Lächeln. Wie nahezu alle Menschen im Land hofft er, dass sich mit dem Wahlsieg der oppositionellen NLP - der von allem ein Sieg der populären Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi war - das Land verändert. Die Erinnerungen an die Willkür der Militärs sind jedoch frisch, und sie machen es ihm schwer, der Entwicklung zu vertrauen. Sein Li ist Kachin, Angehöriger einer überwiegend christlichen Minderheit.

Seit der Unabhängigkeit 1948 kämpfen die Kachin wie auch andere ethnische Minderheiten für mehr Selbstbestimmung. Die letzten großen Offensiven der Armee vertrieben 2012 und 2015 Zehntausende aus ihren Dörfern. Auch das Dorf von Sein Li, wurde vom Militär besetzt. Seitdem lebt er mit über 800 Menschen in einem Flüchtlingscamp nahe Mansi, einer Provinzstadt mit 6000 Einwohnern. Doch der 36-Jährige wollte die Vertreibung nicht einfach hinnehmen. Heimlich machte er sich mit drei Freunden auf den Weg, um nach den Feldern zu schauen. Die kleine Gruppe wurde von einer Militärpatrouille aufgegriffen. "Mitgliedschaft in der KIA, der Kachin-Armee," so der Vorwurf. Sein Li wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt.

"Ich hatte nie etwas mit der KIA zu tun", betont der Verurteilte vehement, "ich habe mein Leben lang nur die Felder bearbeitet." Es half ihm nichts, und erst eine Amnestie des Präsidenten anlässlich der Wahlen vom November brachte ihm die Freiheit, nachdem er bereits mehr als die Hälfte der Strafe abgesessen hatte.

Die Kachin sind aufgrund solcher Erfahrungen nicht die einzigen, die der demokratischen Entwicklung in Myanmar mit Skepsis begegnen. In der benachbarten Provinz Shan-Staat wird immer noch gekämpft. Etwa 130.000 Menschen, 80.000 Kachin und 50.000 Shan, leben als Binnenflüchtlinge in Lagern. Ihre Versorgung ist gewährleistet, nicht zuletzt dank internationaler Hilfe. So engagiert sich die Deutsche Welthungerhilfe für die Flüchtlinge. Gemeinsam mit einheimischen Organisationen ermöglicht sie über die Versorgung hinaus Schulunterricht und Berufsausbildung. Doch nach fast vier Jahren ohne Perspektive auf eine Rückkehr breitet sich Resignation aus. Die 32-jährige Daw Seng Pan ist stellvertretende Camp-Leiterin. "Bei einer wirklichen Demokratisierung muss sich das Militär der gewählten Regierung unterstellen und sich aus unseren Dörfern zurückziehen", fordert sie. Davon ist die Militärführung weit entfernt. Bereits im Vorfeld der Wahlen hatte sie sichergestellt, dass drei Schlüsselministerien in ihrer Hand bleiben, das Innen-, das Verteidigungs- und das Grenzministerium. Das sorgt für große Skepsis. Und es sind nicht nur die aktuellen Konflikte, die diese Skepsis nähren.

Myanmar ist ein Vielvölkerstaat, auch wenn das Staatsvolk der Bamar, oder Burmesen, gut zwei Drittel der 54 Millionen Einwohner stellt. Die nichtburmesischen Völker bewohnen allerdings mehr als die Hälfte der Staatsfläche. Seit der Staatsgründung war die ethnische Vielfalt immer wieder Anlass für blutige Bürgerkriege, die auf allen Seiten durch Drogen, Edelsteine und Holz finanziert wurden. Teilweise hatten sich ein Dutzend ethnische Guerillagruppen gegen die Zentralregierung erhoben.

Die Kachin mit 600.000 und die Shan mit knapp vier Millionen Angehörigen zählen zu den größeren ethnischen Gruppen. Ihre Siedlungsgebiete sind nicht an Staatsgrenzen gebunden. Drei Millionen Kachin und einige hunderttausend Shan leben jenseits der Grenze in China und Indien. Im Grenzgebiet hat die KIA denn auch ihre wichtigsten Stützpunkte. Doch es gibt Hoffnungsschimmer. Noch die später abgewählte Militärregierung hatte zu ernsthaften Friedensverhandlungen aufgerufen. Acht Guerillagruppen haben seither einen Waffenstillstand unterzeichnet; die KIA gehört noch nicht dazu, doch es gibt Anzeichen für eine Annäherung.

Über 1000 Kilometer weiter südlich, in der Metropole Rangun, zeigt sich ein viel entspannteres Bild. Noch vor wenigen Jahren hielt die Angst die Menschen fest im Griff. Wenn nur der Name Aung San Suu Kyi fiel, drehten sie sich auf dem Absatz um; es könnte ja ein Spitzel mitbekommen haben. Diese Angst ist verschwunden. Das zeigt nicht nur die Allgegenwart der Nationalheldin, die wie eine Heilige verehrt wird. Poster und Kalender mit ihrem Konterfei werden an jeder Straßenecke angeboten.

Zu ihrem Nimbus gehört, dass sie die Tochter des Staatsgründers ist, Aung San. Er hatte die Brisanz der ethnischen Konflikte frühzeitig erkannt und wollte den Minderheiten mit weitreichender Autonomie entgegen kommen. Doch wurde er 1948 ermordet. Seine Tochter könnte seine Pläne jetzt umsetzen. Auch wenn Aung San Suu Kyi aufgrund ihrer Ehe mit einem Briten nicht Staatspräsidentin werden darf, zweifelt niemand daran, dass sie die Fäden in der Hand hält. Unlängst wurde für sie eigens ein mächtiger Posten im neuen Parlament geschaffen: Die 70-Jährige wird Staatsberaterin. Sie wird wie ein Ministerpräsident ressortübergreifend arbeiten können. Außerdem ist sie Außenministerin und Leiterin des Präsidialamtes.

Quelle: RP
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