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Nizza
Nizza kehrt langsam zur Normalität zurück

Menschen in Nizza gedenken der Opfer des Anschlags
Menschen in Nizza gedenken der Opfer des Anschlags FOTO: dpa, isl ay
Nizza. Trauer und Wut beherrschen den Alltag in der Stadt am Mittelmeer. Was war das für ein Mann, der mindestens 84 Menschen tötete? Von Saskia Nothofer

Die Proménade des Anglais soll heute wieder komplett geöffnet werden. In einer Schweigeminute wird der Opfer des Attentats von Donnerstag gedacht. Danach wird auch der letzte gesperrte Abschnitt der Strandpromenade für Verkehr und Fußgänger freigegeben. Nach neusten Erkenntnissen hatte der Attentäter seine Tat schon seit Wochen geplant. Den Miet-Lkw, den er als Waffe verwendete, hat er bereits am 4. Juli reserviert und am 11. Juli abgeholt, meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittlerkreise. Am 12. und 13. Juli habe er den Tatort erkundet. Er habe auch ein Foto von sich mit dem 19-Tonner gemacht. Anderen Presseberichten zufolge leerte der Attentäter zudem vor der Bluttat sein Konto.

Schon am Wochenende ist die Straße bis auf wenige Meter wieder zugänglich. Touristen baden im Meer, Boote schippern über die ruhige See, Jogger laufen über den Asphalt, und Fahrradfahrer schwitzen in der prallen Mittagssonne. Das klingt normal, ist es aber nicht. Denn das grausame Attentat hat Spuren hinterlassen. Die Strandpromenade ist voller Blutflecken. Fußgänger sind irritiert von den roten Spuren. Drehen sich verwirrt um, schauen noch einmal hin, können kaum glauben, was sie sehen. Ein Spaziergang wird zum Slalom. Niemand möchte auf die Flecken treten. Der Täter sei im Zickzack gefahren, um möglichst viele Menschen zu töten, heißt es in Augenzeugenberichten. Betrachtet man die Spuren, glaubt man diesen Aussagen.

Die Flaggen wehen auf halbmast. Alle paar Meter liegen Blumen auf dem Boden, auf Bänken oder Mauern. Kerzen sind aufgestellt, daneben Kuscheltiere. Ein Mann nimmt im Vorbeigehen seinen Hut vom Kopf und verbeugt sich leicht vor einer Trauerstelle. Auch Polizisten sind immer wieder zu sehen. An einigen Stellen ist die Promenade durch Bushaltestellen sehr eng. So eng, dass man sich fragt, wie hier ein Lkw durchpassen konnte. Doch er konnte.

An einer Absperrung vor dem Hard-Rock-Café kleben zwei Mädchen einen Brief an das Gitter. Es ist eine Botschaft an eine Frau, die ihnen wohl das Leben gerettet hat. "Danke an die Frau, die ,Rennt, rennt' geschrien hat", schreiben sie. "Wir können Ihnen niemals genug danken." Charlotte und Victoria, beide 17 Jahre alt, wollen nicht über das Erlebte reden. Arm in Arm verlassen sie die Promenade.

Zur Trauer kommt Wut. Nur wenige Meter von einer Gedenkstätte entfernt schreit ein älteres Paar einen Polizisten an. "Uns, den Bürgern, müssen Sie erklären, wieso Sie diese schreckliche Tat nicht verhindern konnten", rufen die beiden. Während der Polizist nicht reagiert, mischen sich mehrere Passanten in die Diskussion ein. Die meisten kritisieren die Polizei. Meinen, dass sie den Täter früher hätte aufhalten müssen. "Es gibt so viele Möglichkeiten, so einen Lkw zu stoppen", sagt ein Mann. Die Reifen hätten zerschossen werden können. Oder ein Panzer hätte dem Lkw in den Weg gestellt werden können. "Das wäre ja wie im Krieg", sagt eine Frau. Bei einer Massenveranstaltung wie dem Feuerwerk sei dies aber notwendig, entgegnet der Mann.

Der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel war am Donnerstagabend mit einem 19-Tonner in den für Lkw eigentlich verbotenen Boulevard eingebogen. Er legte 1,4 Kilometer zurück, bis er zu der Stelle kam, wo die Straße für die Feiern abgesperrt war. Er sei über den Bürgersteig gefahren, um die quer stehenden Streifenwagen zu umgehen. Er beschleunigte. Schließlich wurde er von der Polizei erschossen. Zwischen dem Eindringen in die Sperrzone und dem Ende der Fahrt vergingen laut Behörden nur rund 45 Sekunden.

Wer ist dieser Mann, der mindestens 84 Menschen in den Tod riss? Bouhlel war nicht bei Polizei und Geheimdiensten als Islamist aktenkundig, sein Name fand sich in keiner der einschlägigen Datenbanken. Menschen aus seinem Umfeld beschreiben ihn als nicht religiös. Deshalb gab es Skepsis hinsichtlich eines islamistischen Motivs.

Nachbarn der getrennt lebenden Ehefrau beschreiben den Täter als unbeherrscht, cholerisch und gewalttätig. Der in Tunesien lebende Vater Bouhlels sagt, sein Sohn sei psychisch labil gewesen: "Jedes Mal, wenn er eine Krise hatte, sind wir mit ihm zum Arzt gegangen, der ihm Medikamente gegeben hat." Religion habe im Leben Bouhlels nie eine Rolle gespielt. Nach Aussagen des Vaters trank der 31-Jährige Alkohol, hatte Frauengeschichten und schlug bei Wutanfällen alles kurz und klein, was ihm in den Weg kam. Seine Ehefrau hatte wiederholt Anzeige wegen gewalttätiger Übergriffe erstattet. Und auch die Cousine der Ehefrau sagt: "Er schlug seine Frau, er war ein Mistkerl." Die Ermittlungen deuten nun wohl darauf hin, dass sich der 31-jährige Tunesier erst recht kurz vor der Tat dem radikalen Islam zuwandte.

Quelle: RP
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