Mysteriöse Todesfälle von Soldaten häufen sich: Nato muss sich mit Uranmunition befassen
zuletzt aktualisiert: 04.01.2001 - 21:57Brüssel/Athen (AP). Die NATO wird sich kommende Woche mit dem so genannten Balkan-Syndrom befassen. Mit den möglicherweise auf Grund ihres Einsatzes im Kosovo und in Bosnien an Krebs erkrankten Soldaten werde sich die Allianz am 9. Januar beschäftigen, teilte die NATO-Pressestelle in Brüssel am Donnerstag mit.
Die italienische Regierung hatte die NATO am Mittwoch aufgefordert, alle ihr zur Verfügung stehenden Informationen über Waffen mit abgereichertem Uran offen zu legen. In Italien sind bislang sechs Soldaten, die in den Balkan-Friedenstruppen im Einsatz waren, an Krebs gestorben.
Bei dem verdächtigten Gerät handelt es sich ausschließlich um US-Waffen und -Munition. In Italien sollen 30 erkrankte Soldaten, darunter auch die bereits verstorbenen, auf die Ursache ihres Leidens untersucht werden. Seit 1995 haben rund 60.000 italienische Soldaten in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien gedient.
Das französische Verteidigungsministerium erklärte am Donnerstag, vier Soldaten, die 1999 im Kosovo gedient hätten, seien an Leukämie erkrankt. Die Krankheit sei unter Kontrolle, der Zustand der Männer zufrieden stellend, sagte ein Sprecher. Verteidigungsminister Alain Richard erklärte, er hoffe, die NATO werde sich des Themas annehmen, damit jeder Partner vom Wissen des anderen profitieren könne. Richard hat Tests angeordnet, mit denen festgestellt werden soll, ob die erkrankten Soldaten einer erhöhten Strahlenmenge ausgesetzt waren. Auch die Bundeswehr, Spanien, Portugal, Finnland und die Türkei haben mit Untersuchungen ihrer im Kosovo eingesetzten Soldaten begonnen.
Auch in Tschechien ist ein Soldat, der in Bosnien stationiert war, an Leukämie gestorben, wie das Verteidigungsministerium in Prag am Donnerstag mitteilte. Tschechien folgt nun dem Vorbild anderer Staaten und lässt alle bei Balkan-Friedensmissionen eingesetzten Soldaten untersuchen. Bulgarien und Griechenland kündigten am Donnerstag ebenfalls entsprechende Tests an. Das griechische Verteidigungsministerium bestätigte, dass ein Offizier an Leukämie erkrankt sei. Neben Deutschland, Italien und Frankreich haben bereits Spanien, Portugal, Finnland und die Türkei mit Untersuchungen ihrer im Kosovo eingesetzten Soldaten begonnen.
Die Bundesregierung hat ein neutrales wissenschaftliches Institut mit den Tests beauftragt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums war bereits im Juli 1999 bei den Soldaten, bei denen am ehesten ein Kontakt mit uranhaltigen Munitionsresten erwartet werden musste, eine gesundheitliche Überwachung eingeleitet worden. Ein im Juli 2000 vorgelegter Zwischenbericht habe bei keinem der untersuchten Soldaten Hinweise auf eine Aufnahme von abgereichertem Uran ergeben. Der Abschlussbericht solle im Frühjahr 2001 vorliegen.
NATO-Generalsekretär George Robertson hatte im Frühjahr vergangenen Jahres bestätigt, dass US-Kampfflugzeuge während des Kosovo-Krieges Munition mit schwach radioaktivem, abgereichertem Uran gegen gepanzerte Ziele abgeschossen hatten. Die rund 31.000 Geschosse seien auf Grund ihrer hohen Durchschlagskraft gegen die jugoslawische Armee eingesetzt worden. Ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit sind bislang umstritten.
Die EU-Kommission erklärte am Donnerstag in Brüssel, sie werde informell ermitteln. Für formelle Ermittlungen sei es aber noch zu früh, sagte Kommissionssprecher Jonathan Faull. Die Kommission teile die Sorge der betreffenden Regierungen. Die Kompetenz der Brüsseler Behörde in dieser Frage dürfe aber nicht überschätzt werden. Auch die EU-Ratspräsidentschaft wird sich mit dem abgereicherten Uran beschäftigen. Belgien hat Schweden aufgefordert, die Vorwürfe zu untersuchen.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi erklärte am Donnerstag in Rom, die Kommission müsse die Wahrheit erfahren. Sollte das geringste Risiko bestehen, müssten diese Waffen sofort abgeschafft werden, erklärte Prodi in einem Interview.
Unterdessen kündigte auch die griechische Regierung an, mehr als 1.000 ihrer im Kosovo stationierten Soldaten auf mögliche Strahlenbelastung zu untersuchen. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, sollen Experten zudem die Gebiete prüfen, in denen die Soldaten stationiert sind. Ministerpräsident Konstantinos Simitis wies die Minister für Verteidigung, Umwelt, Gesundheit und Außenpolitik an, Informationen von der NATO einzuholen.
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