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Den Haag
Niederlande erwägen Suizidpille

Den Haag. Lebensmüden Menschen, die aber nicht sterbenskrank sind, sollen in den Niederlanden nach einem Vorschlag zweier Sterbehilfeorganisationen tödliche Mittel legal angeboten werden. Wie weit darf Selbstbestimmung gehen? Von Philipp Jacobs

Im Jahr 2011 stellte Else de Gunst erstmals einen Antrag auf Sterbehilfe. Sie wolle nicht mehr leben, beteuerte sie gegenüber der Kommission, die in den Niederlanden über solche Anliegen entscheidet. Zwei Ärzte untersuchten Else de Gunst und urteilten, dass die junge Frau Ende 20 nicht an einer unheilbaren Krankheit ohne Chance auf Besserung leide. Sie wünsche sich den Tod lediglich. Antrag abgelehnt.

Else de Gunst begann eine Art Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag schrieb sie hinein, dass sie sterben wolle. Ihre Mutter Astrid zeigte das Buch im niederländischen Fernsehen. Else de Gunst entschied sich dazu, nichts mehr zu essen und zu trinken. Ein Suizidversuch mit einer Überdosis Medikamente schlug zuvor fehl. Astrid de Gunst zeigte im Fernsehen einen Videomitschnitt eines Gesprächs, das sie Anfang dieses Jahres mit ihrer Tochter geführt hatte:

"Else, willst du etwas trinken?"

"Nein."

"Willst du denn etwas essen?"

"Nein, ich brauche nichts."

"Else, du weißt, was passiert, wenn du nichts isst und trinkst?"

"Ja, ich sterbe."

"Und ist es das, was du willst?"

"Das ist mein allergrößter Wunsch."

Zwei Wochen später stirbt Else de Gunst im Alter von 31 Jahren.

"In den Niederlanden fallen viele Menschen, die ihr Leben beenden wollen, zwischen den Wal und das Schiff", verdeutlicht Jos van Wijk die Problematik mit einem niederländischen Sprichwort. Jeder, der sterben will, kann sich das Leben nehmen - nur eben nicht mit professioneller Hilfe. "Diese Menschen gehen dazu ins Ausland oder bestellen illegale Mittel oder nehmen sich auf andere grausame Weise das Leben. Das wollen wir nicht", sagt van Wijk. Er ist einer der Gründer der niederländischen Sterbehilfeorganisation "Coöperatie Laatste Wil". Zusammen mit einer anderen Organisation, "Nederlandse Vereniging voor een Vrijwillig Levenseinde" (NVVE), hat "Coöperatie Laatste Wil" jüngst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen für eine Selbsttötungspille geworben. Sie solle für jene bereitgestellt werden, die nicht unheilbar krank sind, aber aus anderen Gründen ihr Leben beenden wollen. NVVE will im kommenden Jahr bereits einen Versuch mit Menschen ab 75 Jahren starten. Die "Coöperatie Laatste Wil" findet, dass das Alter zu hoch angesetzt ist und schlägt eine Testphase für Menschen ab 18 Jahren vor.

Pia Dijkstra, Abgeordnete der Oppositionspartei D66, sagte in der Sendung "Nieuwsuur", dass ihre Partei in diesem Jahr einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen werde. Die Regierungspartei von Premier Mark Rutte, die rechtsliberale VVD, stehe einem solchen Entwurf "wohlwollend" gegenüber, hieß es.

Doch wie könnte die Abgabe einer solchen Pille aussehen, und wie sicher wäre das Projekt? "Ein Mittel wie die ,Letzter-Wille-Pille' ist so gefährlich wie eine Schusswaffe auf dem Nachtschrank", sagt der Medizin-Ethiker Theo Boer von der Protestantischen Theologischen Universität in Groningen.

"Alles haben wir noch nicht durchgeplant", gibt van Wijk zu, gibt dann aber einige Einblicke: So könnte eine zentrale Apotheke die Selbsttötungspille ausgeben - gegen Vorlage eines gültigen Personalausweises. Dazu könnte eine Art Medizinschrank ausgehändigt werden, der nur mit Hilfe der biometrischen Daten des Patienten geöffnet werden kann. Die Pille könnte zudem nach dem Schlucken und dem darauffolgenden Tod die Zunge verfärben, wodurch bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung im Zweifelsfall klar ist, wie die Person ums Leben kam. Auch eine Einnahme in Phasen wird diskutiert.

Einen derartigen Vorschlag machte 1991 auch der angesehene niederländische Richter Huib Drion. Er beschrieb eine fiktionale Pille, die in zwei Phasen eingenommen werden solle. Erst der zweite Teil der Pille würde in Kombination mit dem ersten eine tödliche Wirkung haben. So habe der Patient noch eine Bedenkzeit, sobald er mit der Selbsttötung begonnen habe. Die "Pille von Drion", wie es im Volksmund heißt, wurde damals im Parlament abgeschmettert. Heute scheint sie aktueller denn je.

"Wir müssen weg von der Idee, dass ein Arzt darüber entscheidet, ob man sein Leben mit einem bestimmten Mittel beenden darf", sagt van Wijk. "Der Einzige, der darüber entscheiden sollte, ist man selbst."

Auch wenn die Niederlande in puncto Sterbehilfe als sehr liberales Land gelten, werden immer wieder hitzige Debatten darüber geführt, wann Sterbehilfe bewilligt werden sollte und wann nicht. Insbesondere Sterbehilfe aufgrund psychischer Probleme ist in den Niederlanden umstritten. Anfang Mai veröffentlichte die niederländische Sterbehilfekommission Akten eines Falls, bei dem einer jungen Frau Sterbehilfe gewährt wurde, obwohl sie nicht körperlich krank war, sondern mit psychischen Leiden zu kämpfen hatte. In jungen Jahren war die Frau mehrfach vergewaltigt worden. Sie entwickelte anschließend ein schweres Trauma, dem Depressionen folgten.

Die Selbsttötungspille könnte, wenn sie die Regierung durchwinkt, rasch bereitgestellt werden. Alle Substanzen, die dafür notwendig wären, werden seit Jahren in der Medizin eingesetzt. Am effektivsten seien Betäubungsmittel wie Pentobarbital in Puderform, sagt van Wijk. "Sie sollen nur sehr bitter sein."

Quelle: RP
 
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