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Geschichte
NRW verdankt den Briten seine Gründung

Düsseldorf. London gab seinem Geheimplan zur Fusion der Nordrhein-Provinz und Westfalens den Tarnnamen "Unternehmen Hochzeit". Von Detlev Hüwel

Es soll die größte Party des Landes werden: Am letzten August-Wochenende wird in Düsseldorf der 70. Geburtstag Nordrhein-Westfalens gefeiert. "Das Programm ist so vielfältig wie unser Land selbst", kündigt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an. Die Innenstadt soll zur Festmeile werden und ganz im Zeichen des Doppel-Jubiläums stehen. Schließlich hat auch Düsseldorf Grund zum Feiern: Die Rhein-Metropole ist seit 70 Jahren Hauptstadt von NRW. Stadt und Land werden gern daran erinnern: Es waren die Briten, die nach dem Krieg die entscheidenden Weichen gestellt haben.

1945/46 war Europa noch eine Vision. Die "Vereinigten Staaten von Europa", die auch von deutschen Politikern ersehnt wurden, schienen noch in weiter Ferne zu sein. Deutschland hatte den Krieg verloren und lag nun in Schutt und Asche. Am Niederrhein waren viele Städte nahezu völlig zerstört. Um den Kölner Dom herum - nichts als Trümmer. Viele Menschen waren unterernährt, krank und auf der Suche nach Essen, Arbeit und einer Unterkunft.

Derweil richteten sich in Deutschland die vier Siegermächte - USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion - in ihren Besatzungszonen ein. Den Briten fielen große Teile Norddeutschlands zu; hinzu kamen der Nordteil der preußischen Rheinprovinz und Westfalen. Im Juli 1946 wurde in London beschlossen, aus diesen beiden Regionen das "Bindestrichland" Nordrhein-Westfalen zu bilden. Damit wollten die Briten nicht nur die Versorgung der Menschen in ihrer Zone sicherstellen, sondern auch das Ruhrgebiet einer Internationalisierung und damit dem Zugriff der Sowjets entziehen. Außerdem, so hieß es, sei diese Fusion "praktisch über Nacht" möglich.

Die geheimen Vorbereitungen liefen unter der Tarnbezeichnung "Operation Marriage", Unternehmen Hochzeit. Als offizielle "Heiratsurkunde" gilt die britische Verordnung Nummer 46 vom 23. August 1946, mit der die Zusammenlegung besiegelt wurde. Zugleich wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt bestimmt, weil die Stadt weniger zerbombt war als etwa Köln. Gleichwohl sorgte sich der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister und spätere NRW-Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) darum, wie der erforderliche Wohnraum beschafft werden könnte.

Die Besatzungsmacht war strikt darauf bedacht, dass beim demokratischen Wiederaufbau nur Menschen mit politisch weißer Weste zum Zuge kamen. Nach britischem Vorbild wurde die kommunale Doppelspitze - Bürgermeister und Stadtdirektor - eingeführt, die erst mit der Wahl 1999 landesweit abgeschafft wurde. Der Aufbau von Parteien und Gewerkschaften durfte 1945/46 nur schrittweise von unten nach oben erfolgen. Zudem lizenzierten und kontrollierten die britischen Behörden das Pressewesen. In Düsseldorf bekam Arnold zusammen mit Anton Betz und Erich Wenderoth die Genehmigung zur Herausgabe der Rheinischen Post.

Am 2. Oktober 1946 wurde der Landtag im Düsseldorfer Opernhaus eröffnet. Das "Parlament" war allerdings ebenso von den Briten ernannt worden wie der erste Ministerpräsident, Rudolf Amelunxen. Das Provisorium bestimmte damals den Alltag: Mangels anderer Räumlichkeiten muste der Landtag jahrelang in den Düsseldorfer Henkel-Werken zusammenkommen.

Aus der ersten Landtagswahl vom 20. April 1947 ging die CDU als stärkste Partei hervor. Doch der Landtag war in seinen Entscheidungen nicht frei. In zentralen Fragen wie etwa der Sozialisierung der Grundstoffindustrie und der Bodenreform legten die Briten ihr Veto ein. Damals zeichnete sich die Weststaatsbildung ab, und vor diesem Hintergrund sollten in der britischen Zone keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden.

Die Briten und NRW - das ist zunächst ein durchaus spannungsgeladenes Kapitel. Doch im Laufe der Jahre wurden die Beziehungen immer enger; die hier stationierten britischen Soldaten wurden als Beschützer und Freunde empfunden. Auch der Wissenschaftsaustausch intensivierte sich. Dazu trug auch der früher an der Düsseldorfer Universität lehrende Historiker Wolfgang J. Mommsen bei, der viele Jahre das Deutsche Historische Institut in London leitete. Nicht zu vergessen: In NRW fangen mittlerweile schon die Erstklässler mit Englisch in der Schule an.

1965 stattete die britische Königin Elizabeth II. der Bundesrepublik erstmals einen offiziellen Besuch ab. Die Düsseldorfer Schüler hatten frei und schwenkten umso dankbarer die zuvor verteilten Papierfähnchen, als die Queen, huldvoll winkend, im 600er Daimler zum Benrather Schloss an ihnen vorbeifuhr.

39 Jahre später kam die Königin erneut nach Düsseldorf und hielt eine freundliche Ansprache im Landtag. Ihre Kleidung war elegant-gediegen, doch eine CDU-Abgeordnete lenkte mit ihrem schrillen Outfit - Hut und Stola in Lachsfarbe - viele Blicke auf sich. "Sie hat ihr die Show gestohlen", hieß es hinterher. Den guten Beziehungen zwischen NRW und Großbritannien hat das aber allem Anschein nach in keiner Weise geschadet.

Quelle: RP
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