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Schulpolitik in NRW: Bürokratie plagt die Lehrer

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 21:25

Düsseldorf (RP). Konferenz-Marathon, Statistik, "Konzeptomanie" – Verwaltungsaufgaben fressen an den Schulen immer mehr Zeit. Weitere Großprojekte steigern die Arbeitsbelastung. Die Pädagogen fordern nun Hilfe. Nicht immer kommt Entlastung so reibungslos zustande wie am Zeugnistag.

Wenn an diesem Freitag mehr als zwei Millionen Schüler in NRW Halbjahreszeugnisse bekommen, dann ist das nicht nur für sie ein besonderer Tag, sondern auch für ihre Lehrer. Denn die dürfen ausnahmsweise schon nach der dritten Stunde den Unterricht beenden. Das hat ihnen Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) vor wenigen Wochen erlaubt – und damit ihren Erlass vom vorigen Jahr zurückgenommen, der Schule bis zum Mittag vorschrieb, um den Unterrichtsausfall zu reduzieren.

Die Entlastung kam per E-Mail-Rundschreiben aus Düsseldorf. Nicht immer freilich läuft das Schulleben im Lande so unbürokratisch-reibungslos: Viele Lehrer klagen über steigende Belastung, nicht zuletzt durch vielfältige Verwaltungsaufgaben. Der nächste Schub droht dieser Tage – nach den Zeugnissen. Vier Beispiele.

Beispiel Notengebung: Eltern seien heute eher bereit, juristisch gegen als ungerecht empfundene Noten ihrer Sprösslinge vorzugehen, sagen Lehrer, Juristen und Psychologen. Wer Beschwerde erhebt, setzt einen komplizierten Mechanismus in Gang, der bei unklarem Ausgang vor allem eins verursacht: Arbeit.

Die Bezirksregierung Detmold beispielsweise mahnt ihre Lehrer in einem Merkblatt, insbesondere bei "Mangelhaft" und "Ungenügend" seien besondere "Aussagen zur Qualität der Mitarbeit zu verschiedenen Zeiten des Halbjahres" erforderlich. Es sind (unter anderem) aufzuführen: "Bewertungskriterien, Unterrichtsgegenstände, geübte Methoden, vorrangig praktizierte Unterrichtsverfahren, Qualität der Unterrichtsbeiträge". Der Schulleiter hat Stellung zu nehmen.

Konferenzen "An Realschulen gibt es kaum eine Woche ohne Konferenz oder Dienstbesprechung", sagt Brigitte Balbach, Chefin des Verbands Lehrer NRW: "Ältere Kollegen können sich an Zeiten erinnern, da man mit einer Lehrerkonferenz alle drei Monate auskam." Binnen 20 Jahren habe sich die Zahl der Besprechungen verdoppelt, "wenn nicht sogar verdreifacht".

Beispiel Disziplinarmaßnahmen: Soll einem Schüler mit Entlassung gedroht werden, sind allein damit acht Personen befasst – laut Gesetz entscheidet "eine von der Lehrerkonferenz berufene Teilkonferenz", bestehend aus Schulleiter, Klassenlehrer, Jahrgangsstufenleiter, drei weiteren Lehrern oder Mitarbeitern, einem Vertreter der Schulpflegschaft und einem des Schülerrats.

Beispiel Qualitätsanalyse: 2006 startete das Land den "Schul-TÜV". Ziel war, alle rund 6000 öffentlichen Schulen unter die Lupe zu nehmen. 2400 sind es bisher. Wenn sich die Prüfer der Bezirksregierung ansagen, müssen Pläne angefertigt, Fragebögen ausgefüllt, Konzepte erstellt werden. Eine Bezirksregierungs-Liste nennt 52 Punkte, darunter Kürzellisten des Stundenplans, Konzepte zum "Gender Mainstreaming" (Geschlechtergerechtigkeit) und zur Umwelterziehung. "Absurd" nennt Peter Silbernagel, Chef des Philologenverbands NRW, diese "Konzeptomanie": "Teils wird all das in Panik schnell erstellt, teils einfach abgeschrieben." Das Ministerium will die Analyse "gezielt zum Nutzen der Schulen weiterentwickeln", unter anderem durch weniger Aufwand und stärkere Einbeziehung der Schulen.

Beispiel Schulstatistik: Bis zum 15. Oktober müssen die Schulen dem Ministerium jährlich Angaben über Lehrer- und Schülerschaft liefern. "Das reicht bis zur Muttersprache der Eltern, die wir oft gar nicht kennen", sagt der Rektor einer niederrheinischen Grundschule mit knapp 500 Kindern. "Lustnerv einklemmend" sei zudem, dass das elektronische System, das die Daten aufnehme, teils ohne Hilfe aus Düsseldorf unverständlich sei: "Man gibt dann einfach irgendwas ein." Seinen Konrektor habe allein die Statistik etwa 25 Arbeitsstunden gekostet. Mehr als ein Viertel seiner Arbeitszeit wende er mittlerweile für solche "Verwaltungstätigkeiten für Außenstehende" auf, sagt der Rektor.

Lehrerverbände und Gewerkschaften beklagen, die Arbeitsbelastung steige – auch, aber nicht nur durch die Bürokratie. Andere Großbaustellen kommen hinzu, etwa der Ausbau des Ganztags, das "Turbo-Abitur", der Unterricht mit Behinderten. Zudem hat Deutschland von den Industrieländern mit Italien die ältesten Lehrer. Und die sind, zumindest in der Sekundarstufe, überdurchschnittlich mit Stundenverpflichtungen belastet.

Die Uni Bremen maß in NRW-Klassenzimmern Schallpegel von 75 Dezibel – so laut wie an einer zweispurigen Hauptstraße. Ergebnis all dessen: 2010 erreichte nur ein gutes Drittel der Lehrer in NRW die Regelaltersgrenze von 65 Jahren. Der Grund für fast jede vierte Pensionierung war Dienstunfähigkeit.

Der Hilferuf aus den Lehrerzimmern wird lauter. Entlastung durch mehr Verwaltungsassistenten fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eine Senkung der Pflichtstundenzahl und eine Verlängerung der Ende 2012 auslaufenden Altersteilzeitregelung. Der Philologenverband will eine "Fürsorge-Offensive" – "Lehrer neigen zu masochistischer Selbstausbeutung", sagt Verbandschef Silbernagel und fordert ein Ende der "Reformverliebtheit", eine jährliche Gesundheits-Fortbildung und das Verbot von Klassen mit mehr als 30 Schülern.

"In einem ersten Schritt" seien die Grundschulleitungen mit 340 zusätzlichen Stellen entlastet worden, erklärt das Ministerium, und: "Die anderen Schulformen sollen folgen" – 2012 seien mehr als 220 Stellen zur Entlastung der Rektoren weiterführender Schulen vorgesehen.

Quelle: RP/das/top


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