Schwerpunkt Hochschule: Die Aufholjagd der NRW-Unis
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 07.05.2010 - 12:15In der nordrhein-westfälischen Hochschullandschaft hat sich in den vergangenen fünf Jahren viel getan - Studiengebühren und Bologna-Reform sind zwei Stichworte. Dennoch ist der Wissenschaftsstandort noch nicht so gut, wie er sein müsste. Ortstermin an der einzigen Elite-Uni in NRW.
Aachen Geld stinkt nicht, Spitzenforschung bisweilen sehr wohl. Wenn Andreas Janssen die blaue Panzertür zu seinem Arbeitsplatz an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen öffnet, riecht es streng, wie an der Zapfsäule. Janssens Arbeitsplatz ist eine Art Bunker voller Kabel, Leitungen und dröhnender Ventilatoren; das Herzstück ist ein 0,4-Liter-Dieselmotor, an dem neuartige Biokraftstoffe getestet werden. Dieser Motor ist sein Baby. Er könne am Laufgeräusch erkennen, welcher Kraftstoff gerade verbrannt wird, sagt Janssen.
Der 28-jährige Ingenieur gehört zu den 75 Wissenschaftlern des Exzellenzclusters "Maßgeschneiderte Kraftstoffe aus Biomasse". Cluster sind Forschungsverbünde mehrerer Lehrstühle, in diesem Fall sind es 20. Der Cluster hat einen Etat von 32 Millionen Euro - Mittelstands-Größe. Das Ziel: aus ganzen Pflanzen serienreife, hocheffiziente Kraftstoffe für verschiedene Motorentypen zu gewinnen. Der Cluster ist einer von 37 in Deutschland, bewilligt im Zuge der sogenannten Exzellenz-Initiative von Bund und Ländern zur Förderung von Spitzenunis.
Die ganze RWTH wiederum ist, was Wissenschaftsstrategen gern Leuchtturm nennen - ein weithin strahlendes Forschungszentrum. Die Umgangssprache hat ein anderes Wort dafür gefunden: Elite-Uni. Die RWTH wurde 2007 als bisher einzige aus NRW in den erlauchten Kreis der neun besten deutschen Unis aufgenommen. Das schmückt den Wissenschaftsstandort.
Allerdings gilt für Leuchttürme auch: Sie leuchten hell, weil ringsum Dunkel ist. Das ist nun in NRW mit seinen 68 Hochschulen sicher nicht der Fall. Richtig ist aber: NRW hat in Sachen Exzellenz bisher unterdurchschnittlich gepunktet. "Heidelberg ist eben eine andere Hausnummer als Bielefeld", sagt Michael Hartmann, Hochschulforscher aus Darmstadt, und meint damit die Schwäche mancher Standorte zwischen Rhein und Weser. Nordrhein-Westfalen sei lange ein Verlierer des Bildungsföderalismus gewesen, weil es massenhaft Studenten aus anderen Bundesländern, etwa Baden-Württemberg, ausgebildet und zugleich gute Absolventen in Bundesländer mit großer Nachfrage (wie Bayern) abgegeben habe - NRW als Durchlauferhitzer der deutschen Hochschullandschaft, Motto: Masse statt Klasse.
Das sei grundsätzlich auch nicht falsch, sagt Hartmann: "Entscheidend ist, in der Breite ein hohes Niveau zu bewahren. Große Hochschulen wie Dortmund, Bochum und Duisburg-Essen, die keine Elite-Unis sind, sind international nicht das Schlimmste." Dennoch sei wichtig, dass die NRW-Unis in der dritten Exzellenz-Runde erfolgreich seien, deren Ausschreibung läuft, sagt Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Uni Bochum. Mit 33 000 Studenten steht Bochum in den Top Ten der größten deutschen Hochschulen. Der Ruhr-Uni werden Chancen für die neue Runde eingeräumt. Elite müsse "Leistungselite" sein, sagt Weiler selbstbewusst.
Das dürfte Musik sein in den Ohren von NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Pinkwart hat mit dem "Hochschulfreiheitsgesetz" 2006 die Hochschullandschaft umgekrempelt - gegen heftigen Protest der Opposition und teils auch der Unis. Schwarz-Gelb ermöglichte nicht nur Studiengebühren, sondern machte die Unis auch zu ihren eigenen Dienstherren und verstärkte so die gegenseitige Konkurrenz. Die von Pinkwart ausgeweitete "Leistungsorientierte Mittelverteilung" (LOM) belohnt zudem Hochschulen, die viele Absolventen und Doktorarbeiten vorweisen können und die erfolgreich Drittmittel, etwa aus der Wirtschaft, zur Forschungsfinanzierung einwerben. Wer hat, dem wird gegeben - Aachen etwa, das allein 2008 rund 218 Millionen Euro Drittmittel einwarb, verbucht dank LOM seit 2007 ein Plus von weiteren 5,5 Millionen Euro. Diese Konzentration auf ohnehin forschungsstarke Unis sei ein Fehler, "weil sie zu einer scharfen Spaltung in Forschungs-Unis und Ausbildungs-Unis führt", warnt Bildungsforscher Hartmann: "Schwache Unis fallen aus der Forschung heraus."
Christian Berthold vom Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh teilt viele Bedenken gegenüber der neuen Hochschulwelt nicht: "Eine große Reform braucht Zeit." Mittelfristig sei die größere Hochschul-Autonomie ein "Erfolgsmodell", und "die Zeit der Nivellierung" sei eben vorbei. Nötig sei aber mehr Vielfalt - bisher würdigt die Exzellenz-Initiative nur Spitzenforschung, nicht aber hervorragende Lehre. Bertholds Fazit: "Nordrhein-Westfalen spielt in einer besseren Liga, als die äußeren Hinweise es ahnen lassen." NRW stehe eine "Aufholjagd" bevor.
Der Ausbau der Fachhochschulen in NRW sei ein richtiger Schritt zu mehr Studienplätzen. Für die großen Ruhrgebiets-Unis sei entscheidend, sich mit den außeruniversitären Forschungsinstituten zu vernetzen. Aachen ist dafür Vorbild - enge Kooperation mit der Wirtschaft sei "eins der Erfolgsgene" der RWTH, sagt Rektor Ernst Schmachtenberg. Er sagt aber auch: "Wir haben viel mehr Kraft, als wir im Moment auf die Straße bringen."
Apropos Straße: Ganz ohne Pannen geht es auch an der Elite-Uni Aachen nicht. Im Februar liefen im Motorenraum von Biosprit-Pionier Andreas Janssen 20 Liter Kraftstoff aus. Der Gestank war so überwältigend, dass der ganze Flur einen halben Tag geräumt werden musste.
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