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Gesetzliche Vorgaben nicht erfüllt: NRW ist Schlusslicht bei Kitas

VON MEYEL LÖNING UND CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 08.11.2011 - 12:55

Hilden/Moers (RP). Nur jedes sechste Kind unter drei Jahren in NRW hat einen Kitaplatz – so wenige wie in keinem anderen Bundesland. Viele Eltern stehen deshalb auf mehreren Wartelisten. Ab 2013 droht Chaos. Dann haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer Kinder.

Die Burghardts aus Hilden sind eine der Familien, für die Kindertagesstätten ins Leben gerufen worden sind: Beide Eltern haben einen Job und möchten ihm nachgehen. Trotzdem kommt sich die 38-jährige Ricarda Burghardt, die derzeit ihre beiden Kinder betreut, eher vor wie eine unerwünschte Bittstellerin. In zehn Kitas hat sie sich um einen Platz für den zweijährigen Paul beworben, zehnmal hieß es: "Es tut uns leid, wir haben keinen." Auch Pauls kleine Schwester Bea (drei Monate) soll langfristig in die Kita gehen. Aber an die Suche nach einem Platz mag Ricarda Burghardt noch gar nicht denken: "Wir fühlen uns im Stich gelassen", sagt sie.

Bundesmittel sind längst aufgebraucht

Paul und Bea sind zwei von derzeit Zehntausenden Kindern unter drei Jahren in NRW, für die es keinen Kitaplatz gibt. In keinem anderen Bundesland ist die Betreuungsquote so niedrig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt sie gerade einmal 15,9 Prozent. Das soll sich bis 2013 ändern. Ab dann haben Eltern laut Gesetz einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer ein- bis dreijährigen Kinder. Nun kündigen Elternverbände eine Klagewelle an.

Für den Ausbau der Betreuungseinrichtungen hat der Bund dem Land NRW 481,5 Millionen Euro gezahlt. Das ehrgeizige Ziel: Von August 2013 an muss jede Kommune für 35 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Betreuungsplatz anbieten. Bis Ende dieses Jahres sollen bereits rund 100 000 Plätze geschaffen sein – knapp 40 000 fehlen allein für das Zwischenziel.

Doch die Bundesmittel für den Kita-Ausbau sind in NRW längst aufgebraucht. Die klammen Kommunen haben nicht einmal die Hälfte der Vorgaben erreicht. Beispiel Krefeld: Dort liegt die Betreuungsquote bei Kindern unter drei Jahren aktuell bei 22 Prozent. Nach Einschätzung des Jugendamtsleiters wird das Ziel der Regierung bis 2013 nicht erreicht. Genauso wenig wie in Wesel, wo 2013 wohl nur 25 Prozent der Kinder betreut werden können. In Dinslaken gibt es momentan 150 Plätze für unter Dreijährige. Bis 2013 müssten es 500 sein. Tatsächlich werden es aber nur 300.

Eltern klagen auch in gut ausgestatteten Städten

In Willich, Erkrath und Wülfrath sieht es ähnlich aus. Auch Remscheid wird die Vorgabe voraussichtlich nicht erfüllen können. Weil die Landesgelder nicht ausreichen, will die Stadt den Kita-Ausbau sogar mit zwei Millionen Euro vorfinanzieren und sich das Geld später vom Land zurückholen.

Selbst in Städten, die die Zielquote von 35 Prozent bis 2013 erreichen werden, etwa Moers und Düsseldorf, klagen Eltern über fehlende Betreuungsplätze. "Wir müssen täglich Anfragen von Eltern abweisen, obwohl die Stadt sagt, dass es genug Plätze gibt", berichtet Tina Brands, Erzieherin im "Kindertagesatelier" in Moers. Der Bedarf an Kitaplätzen ist deutlich höher als 2008 angenommen. Die Bundesregierung, die das Gesetz zum Kitaausbau damals verabschiedet und die Zielquote von 35 Prozent festgelegt hatte, musste ihre Bedarfsprognose für NRW inzwischen auf 37 Prozent anheben.

Aber auch das scheint zu kurz gedacht. "Wir haben schon jetzt bei den Zweijährigen eine riesige Nachfrage, wir rechnen da mit 60 Prozent", sagt Barbara Pudelko von der Stadtverwaltung Krefeld. Birgit Klinge, die Leiterin des Städtischen Familienzentrums "Kunterbunt" in Hilden: "Wir würden gerne sagen: ,Kommt alle, wir haben genug Platz.'"

Selbst im bei Familien beliebten Hilden, das auf dem Papier die Betreuungsquote von 35 Prozent erreichen wird, warten zahlreiche Eltern vergeblich auf einen Kitaplatz. Ricarda Burghardt hat ihren Sohn deshalb vorübergehend in einer privaten Kita angemeldet. Das kostet 500 Euro im Monat – auf Dauer zu kostspielig, zumal, wenn zwei Kinder zu betreuen sind. Trotzdem hält sie die Kitazeit für wichtig. "Sozialverhalten kann ich ihm als Mutter nicht so mitgeben, wie er es dort lernen kann", sagt sie. Zudem würde sie gerne wieder in ihren Beruf als selbständige Apothekerin einsteigen. Doch planen kann die 38-Jährige wie viele andere Mütter, denen sie in den Kita-Anmeldeschlangen begegnet, nicht. "Wir sind alle sehr unzufrieden", sagt Ricarda Burghardt. Sie würde auf einem Rechtsanspruch bestehen, sagt sie. "Aber das kann es doch eigentlich nicht sein."

Selbst Alleinerziehende, die besonders auf Betreuungsplätze angewiesen sind, suchen oft vergeblich – etwa die Moerserin Corinna Grill, die ihre Tochter Emma (2) in einer Kita anmelden möchte. "Da ich zurzeit arbeitslos bin, habe ich keinen Anspruch darauf", sagt sie. Da sie auf Emma aufpassen muss, kann sie auch nicht in ihren Beruf als Immobilienkauffrau zurückkehren. "Das ist ein Teufelskreis."


 
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