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Keiner weiß, ob und wo Alois Brunner lebt: NS-Verbrecher Brunner zu lebenlanger Haft verurteilt

zuletzt aktualisiert: 02.03.2001 - 17:30

Paris (dpa). Die Bank des Angeklagten blieb leer, und das Schwurgericht war deshalb von vorneherein nur auf einen ganz kurzen Prozesstag eingestellt. Alois Brunner, rechte Hand Adolf Eichmanns und in Frankreich schon zweifach in Abwesenheit zum Tode verurteilt, war auch diesmal wieder nicht erschienen.

Dabei hatten Frankreichs Justiz und die "Nazi-Jäger" Serge und Beate Klarsfeld alles in Bewegung gesetzt, um den früheren SS-Hauptsturmführer wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit seiner Strafe zuzuführen. Doch Brunner war nicht nur abwesend. Fraglich ist vielmehr, ob er überhaupt noch lebt. So wurde es ein symbolischer Prozess, der Erinnerung wach halten soll.

Unmengen an Akten schleppten Gerichtsdiener in den Saal. Dann wurde in bedrückender Stille stundenlang die Anklage verlesen. Jedes der 345 jüdischen Waisenkinder wurde mit seinem Geburtsdatum genannt. Die Eltern waren bereits deportiert worden, als Brunner die Kinder aus Frankreich in die Vernichtungslager bringen ließ. Vor den internationalen Medien machte Klarsfelds Organisation "Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs" diesen Prozess mit ihrer starken Präsenz im Gericht zu einer Kundgebung gegen das Vergessen.

Als "Ingenieur der Endlösung" soll der Österreicher für den Tod von 130 000 Juden verantwortlich sein. Der fanatische Judenjäger und Gehilfe Adolf Eichmanns war einer der Hauptbetreiber des Holocaust. Seit den 50er Jahren international von Polizei und Journalisten gesucht, flüchtete der Nazi-Scherge nach Ägypten und Syrien, legte sich mehrere Namen zu und überlebte mehrere Anschläge. Damaskus hat trotz allen Raunens aus Geheimdienstkreisen immer wieder bestritten, diesen Mann zu kennen. Oder ihm sogar Unterschlupf gewährt zu haben.

Ende 1999 hieß es, Brunner sei bereits 1996 an Altersschwäche gestorben und klammheimlich in Damaskus beigesetzt worden. 1998 war eine ausführliche ARD-Dokumentation "Die Akte B." aber zu dem Schluss gekommen, Brunner lebe noch im Syrien der Assad-Herrscher. Er werde systematisch von jenem syrischen Geheimdienst abgeschirmt, den der ehemalige SS-Hauptsturmführer selbst mit aufgebaut habe. So entzog sich wohl der Mann, dessen Ergreifung mit 500 000 Mark belohnt wird.

Die Widersprüche darüber, wo sich einer der meistgesuchten Verbrecher denn aufhalten könnte und ob er noch lebt, haben die Pariser Richter nicht davon abgebracht, von neuem in Sachen Brunner Recht zu sprechen. Lebenslanger Freiheitsentzug. "Wir haben nichts, was die Annahme bestärkt, dass er tot ist", erklärt Beate Klarsfeld ihren Willen, "nach unserer Anzeige 1987 den Schlusspunkt zu setzen, auch wenn der etwas enttäuschend ausfällt." Ihr Mann Serge, dessen Vater ein Opfer Brunners wurde, hatte die Sache ins Rollen gebracht.

Um über Brunner einmal mehr richten zu können, stützte sich die Pariser Justiz auf eine Prozedur aus der Zeit des Ancien Regime, also vor der Französischen Revolution. "Eine Verhandlung in Abwesenheit hat es dem König damals erlaubt, alle Güter des nicht erschienenen Angeklagten an sich zu bringen", erläutert der Pariser Anwalt Michel Zaoui. Viele Länder hätten diese Prozedur längst abgeschafft, wofür der Anwalt "gute Gründe" anführt. So sei kein Geschworener und kein Zeuge anwesend: "Was den Kriminalprozess ausmacht und ihm seinen Sinn gibt, der Grundsatz der Plädoyers pro und contra und der Debatten im Gericht, das fällt hier völlig weg." Es wurde ein kurzer Prozesstag.

Quelle: RPO Archiv

 
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