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Berlin
Özdemir will es Kretschmann nachmachen

Berlin. Der Grünen-Chef will seinem Vorbild Kretschmann nacheifern und seine Partei als Spitzenkandidat in die nächste Bundesregierung führen. Doch er hat es im Bund schwerer als der Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Von Birgit Marschall

Cem Özdemir ist zweifellos das größte Redetalent der Grünen, er weiß mit Worten umzugehen. Nach dem Wahlsieg von Winfried Kretschmann (Grüne) in Baden-Württemberg übernahm Özdemir jedoch eine prägnante Formel, die nicht von ihm selbst, sondern von seinem Parteifreund Reinhard Bütikofer stammt. "Kretschmann kapieren, nicht kopieren", gab Özdemir seiner Partei für die nächsten eineinhalb Jahre bis zur Bundestagswahl vor. Nun sieht es so aus, als hätte er vor allem zu sich selbst gesprochen. Denn Özdemir hat seinen Hut in den Ring geworfen: Er will Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 werden. Dazu muss er auch selbst Kretschmann kapieren und dessen Wahlerfolg kopieren, mindestens zu großen Teilen.

Der Schwabe mit türkischen Wurzeln hat lange gewartet mit diesem Schritt, warum, das bleibt sein Geheimnis, allerdings könnte das Warten strategisch geschickt gewesen sein. So kann er den Schwung des Wahlsiegs aus seiner Heimat mit nach Berlin nehmen. Özdemir will das neue Selbstbewusstsein der Grünen als mögliche 30-Prozent-Partei gewissermaßen zu seinem eigenen Markenkern machen. Längst sieht er für seine Partei die Chance, die SPD als Volkspartei abzulösen.

Die Grünen hätten auch im Bund viel Potenzial nach oben, sagt Özdemir. "Es gibt viel mehr Menschen in der Gesellschaft, die grün ticken, grün handeln, grün einkaufen. Bis jetzt haben wir es bei Weitem noch nicht geschafft, dass alle davon die Grünen wählen", zitiert ihn die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Doch für Özdemir dürfte es im Bund ungleich schwerer werden als für Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, der Star einer neuen Volkspartei zu sein.

Kretschmann hatte den Amtsbonus des Landesvaters im Rücken. Zudem ticken die Grünen in Baden-Württemberg anders als die Grünen im Bund: Im Ländle ähneln sie bereits einer ökologisch orientierten CDU-Version, im Bund sind sie dagegen eher noch ein unberechenbarer bunter Haufen.

Demokratie wird groß geschrieben bei den Grünen. Schon ein Jahr vor der Bundestagswahl im September 2017 inszenieren sie ihre eigene kleine medienwirksame Wahl. Die 60.000 Mitglieder sollen in einer Urwahl entscheiden, mit welchem Mann-Frau-Duo die Grünen in den Wahlkampf ziehen. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hat sich als einzige Frau beworben, sie dürfte durchmarschieren. Bei den Männern bewerben sich neben Özdemir auch Fraktionschef Anton Hofreiter und Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck für die Urwahl, die im Spätherbst starten und Mitte Januar ausgezählt werden soll. Özdemir hat gute Chancen, dieses Rennen zu gewinnen, schließlich ist er bundesweit das bekannteste der drei Gesichter. Seine früheren Fehler (Dienst-Flugmeilen-Guthaben privat genutzt) und Affärchen (Hanf-Pflanzen ausgeliehen) sind heute längst vergessen. Zudem hat er auf dem letzten Bundesparteitag bei seiner vierten Wiederwahl als Parteivorsitzender seit 2008 das mit Abstand beste Wahlergebnis erzielt. Allerdings gründete das wohl weniger auf seiner Beliebtheit als auf der Schwäche aller anderen Spitzengrünen. In den Gremien seiner Partei gilt der 50-Jährige nicht unbedingt als der Kooperativste und Fleißigste. Er wird deshalb von manchen Funktionären nicht sonderlich geliebt.

Doch wird er sich nicht bei denen, sondern bei den Parteimitgliedern durchsetzen müssen. Denen, so ist Özdemir sicher, sei auch "scheißegal", wer vom Spitzenpersonal welchem Parteiflügel angehört. In ihren Gremien achten die Grünen ansonsten peinlich genau darauf, dass bei der Ämtervergabe das Gleichgewicht zwischen pragmatischen "Realos", denen Özdemir und Habeck zuzurechnen sind, und Parteilinken, denen Hofreiter angehört, gehalten wird. Özdemir will mit diesem ungeschriebenen Gesetz brechen und im Wahlkampf zusammen mit Göring-Eckardt eine Realo-Doppelspitze bilden - und die Grünen an der Seite der Union in die nächste Bundesregierung führen.

Mancher allerdings wird sich die Augen reiben, wenn ausgerechnet diese beiden für die Grünen in den Wahlkampf zögen. Özdemir und Göring-Eckardt waren nämlich beide mitverantwortlich für die Wahlschlappe 2013, als die Grünen trotz doppelt so hoher Umfragewerte am Ende nur 8,4 Prozent einfuhren. Özdemir war auch damals schon Parteichef und Göring-Eckardt war auch damals schon Spitzenkandidatin - beide schafften es jedoch - anders als Claudia Roth und Jürgen Trittin - sich in Spitzenämtern zu halten. Die Hauptschuld für die Schlappe gaben sie Trittin, der damals zweifellos Führungsfigur war.

Was Trittin falsch gemacht hat, will Özdemir nicht wiederholen. Niemand wähle die Grünen, weil sie mit Steuererhöhungen von Oben nach Unten umverteilen, meint Özdemir, da gingen die Leute lieber gleich zum Original, der SPD oder den Linken. Die Grünen müssten sich nicht soziale Umverteilung, sondern Bildungsgerechtigkeit auf die Fahnen schreiben. Die Frage, ob es ein Arbeiterkind bis nach oben schaffen kann, sei entscheidend. Er selbst sieht sich dafür als ein seltenes Erfolgsbeispiel. Sein Vater war Gastarbeiter in einer Textilfabrik.

Quelle: RP
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