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Paris
Offene Türen - wie sich die Pariser gegenseitig halfen

Paris. Große Solidarität war die Reaktion auf das Massaker. Von Matthias Beermann

Seit 26 Jahren arbeiten José und seine Frau Manuela in der Pariser Rue Oberkampf. Früher nannte man sie "Concierge", heute etwas schnöde "Gardiens d'immeuble" - Hausmeister. Die Tätigkeit ist aber dieselbe geblieben: Post verteilen, Blumen gießen, Mülltonnen auf die Straße stellen. Die beiden sind die gute Seele des Hauses. In der schrecklichen Nacht der Anschläge wurden sie zu selbstlosen Helfern der Opfer.

Der Musikclub Bataclan, wo die Terroristen am Freitagabend Dutzende Besucher eines Konzerts niedergeschossen und dann rund 100 Geiseln genommen hatten, liegt nur einen Steinwurf entfernt. Bevor die Einsatzkommandos der Polizei kurz nach Mitternacht zum Sturm ansetzten, requirierten sie den Innenhof des Hauses von José und Manuela, um dort die Opfer zu versorgen. "Die meisten waren nur leicht verletzt, aber alle standen sie unter Schock", erzählte der 48-Jährige der Zeitung "Le Parisien". "Und alle waren sie mit Blut bespritzt - dem Blut derer, die neben ihnen gestorben waren."

José und seine Frau suchten alle verfügbaren Decken zusammen, sie verteilten warme Kleidung, Wasser und etwas zu essen. "Viele weinten, einige zitterten so stark, dass ich ihnen kaum etwas zu trinken eingießen konnte. Andere dagegen waren wie erstarrt." Eine Spanierin habe die ganze Zeit verzweifelt nach ihrem Mann gerufen, erinnert sich Manuela. Eine junge Frau habe sie in ihre Hausmeister-Loge gebracht, denn sie sei am Bein verwundet gewesen. "Sie war sehr tapfer, hat sich nicht beklagt." Die Frau habe ihren Mann bei der Schießerei in dem Konzertsaal verloren, "aber sie hat nur immer wieder gefragt, ob es dem Kind, mit dem sie schwanger ist, gutgeht".

Ähnlich wie das Hausmeister-Ehepaar in der Rue Oberkampf halfen in dieser Nacht viele Menschen, zogen Verwundete aus der Schusslinie, versteckten vor den Terroristen flüchtende Passanten. Über die sozialen Netzwerke organisierte sich außerdem in Windeseile ein Netzwerk von Parisern, die eine Unterkunft für die Nacht anboten. Viele Metro-Strecken waren gesperrt, und die Polizeipräfektur hatte dazu aufgerufen, die Häuser nicht zu verlassen. Viele der knapp 80.000 Zuschauer, die im Stade de France das Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich verfolgt hatten, saßen deswegen fest. Unter dem Hashtag #PortesOuvertes ("Offene Türen") boten innerhalb weniger Stunden mehr als 20.000 Pariser Unbekannten ein Bett, ein Sofa oder einen Schlafsack an. Viele offerierten zugleich Balsam für die Seele: einen Wein, eine Mahlzeit, Musik.

Quelle: RP
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