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Tel
Palästinenser feiern Anschlag in Tel Aviv

Tel. Nach dem Blutbad in einem Café mit vier Toten kündigt Israel Vergeltungsmaßnahmen an. Von Susanne Knaul

Aviv Die beiden Täter waren gut vorbereitet. In schwarze Anzüge gekleidet und mit Krawatte setzten sich die Männer an einen Tisch, bestellten Softdrinks und einen Schokobecher mit Sahne. Erst als sich gegen 21.30 Uhr am Mittwochabend das Café "Max Brenner" im Zentrum Tel Avivs füllte, gaben die zwei Palästinenser ihre tödlichen Schüsse auf die Gäste ab. Vier Menschen kamen ums Leben, sieben wurden verletzt, darunter einer der Angreifer. Die Cousins Ahmad Mussa Makhamreh und Khalid Muhammad Mussa Makhamreh stammen aus Jatta, einem sozial schwachen Vorort von Hebron.

Viele Familien aus Jatta schicken ihre halbwüchsigen Kinder täglich auf die Müllhalde, die den gesamten Ort in eine unangenehme Dunstwolke hüllt. Die Kinder sammeln Eisen, um es für wenige Schekel an einen Händler zu verkaufen, oder noch brauchbare Kleidungsstücke. Um zu überleben, kochen die ganz Armen Hühnerbeine, die im Schlachthof von Jatta abfallen. Unterschiedlicher könnte das Ambiente in dem einst von deutschen Templern gegründete Sarona kaum sein, wo sich der Überfall abspielte. Das jüngst mit viel Geld restaurierte Viertel ist eine der zentralen Anlauforte für Ausflügler aus dem In- und Ausland. Sarona verbindet Architektur aus der Staatsgründungszeit mit schicken Boutiquen, Restaurants, einem Biergarten und Cafés.

In ihren schwarzen Anzügen weckten die beiden Palästinenser keinen Verdacht, als sie das Tel Aviver Café betraten und sich in aller Ruhe umsahen, bevor sie im Freien Platz nahmen. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen die Männer, die sich wie normale Kunden verhalten und genauso behandelt werden. Ungeachtet der Trennanlagen, die Israel vor gut zehn Jahren errichten ließ, ist es nicht allzu schwer, sich unbemerkt den Weg vom Westjordanland nach Israel zu bahnen. Wo die Lücken im Zaun sind, ist den Palästinensern bekannt. "Wir haben keine Eisenkuppel gegen Terror wie diesen", kommentierte Staatspräsident Reuven Rivlin den Anschlag in Anspielung auf das Raketenabwehrsystem "Iron Dome", das Israel gegen Angriffe aus dem Gaza-Streifen schützt. Gegenüber den auf eigene Faust handelnden Attentätern zeigt sich Israels Sicherheitsapparat ratlos.

Der letzte tödliche Anschlag liegt genau drei Monate zurück. Schon schien es, als sei die aktuelle Welle von zumeist mit Messern verübten Attentaten überstanden. Auch deshalb ließ die Regierung über 80.000 zusätzliche Einreisegenehmigungen ausstellen für Palästinenser aus dem Westjordanland, die Familie in Israel haben und über den Ramadan-Fastenmonat zu Besuch kommen wollten. Nach dem Anschlag zog Israels Armee die Genehmigungen wieder zurück. "Ich werde mich nicht mit Lippenbekenntnissen zufriedengeben", kündigte Israels neuer Verteidigungsminister Avigdor Lieberman an, ohne jedoch kundzutun, was genau er in Reaktion auf den gewaltsamen Tod der vier Israelis plant. Dies sei nicht die Zeit für Erklärungen, meinte Lieberman, der tun will, "was getan werden muss". Sein Stellvertreter im Verteidigungsministerium, Eli Ben-Dahan, ließ verlauten, dass "das Leben in Jatta nicht mehr so sein wird wie bisher".

Noch in der Nacht zu Donnerstag sperrten Soldaten die Zufahrtsstraßen nach Jatta ab. Mehrere Angehörige der beiden Attentäter wurden festgenommen. Lieberman will so schnell wie möglich die Wohnhäuser der Familien abreißen lassen.

Die beiden Anfang 20-jährigen Cousins gehören keiner politischen Bewegung an. Ein Sprecher der Hamas begrüßte zwar den Anschlag und kündigte "weitere Überraschungen" noch während des Fastenmonats Ramadan an, übernahm aber keine Verantwortung. Im Westjordanland fanden Freudenfeiern über die "gelungene" Aktion statt, in Hebron gab es ein Feuerwerk, andernorts verteilten junge Palästinenser Bonbons an Autofahrer. Ein Eintrag in den sozialen Netzwerken kommentierte jubelnd: "Wir brechen das Fasten, indem wir sie töten." Je stärker die beiden Cousins aus Jatta im Westjordanland als Helden gefeiert werden, desto größer ist die Gefahr durch Nachahmer.

Die palästinensische Führung in Ramallah hielt sich mit einer Verurteilung des Gewaltaktes zurück. Fatah-Funktionär Munir al Dschaghoub zeigte Verständnis für die "individuelle und natürliche Antwort" auf die Gewalt Israels, kritisierte allerdings die "Zerstörung von Häusern", die "Vertreibung von Palästinensern" und "kaltblütige Erschießungen an Kontrollpunkten".

Quelle: RP
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