Gewalt in Nahost ebbt nicht ab: Panzer beschießt palästinensisches Flüchtlingslager
zuletzt aktualisiert: 24.10.2000 - 22:14Jerusalem/Washington (dpa/AP). Ein israelischer Panzer hat am Dienstagabend ein palästinensisches Flüchtlingslager im Westjordanland angegriffen. Der Panzer feuerte drei Granaten auf das Lager El Bireh am Rand der Stadt Ramallah ab. Ein Militärsprecher erklärte, es habe sich um eine Vergeltung auf eine Beschießung durch militante Palästinenser gehandelt. Die anhaltenden Unruhen in den palästinensischen Gebieten forderten am Dienstag drei Todesopfer.
Israelische Soldaten erschossen in der Nähe des Eres- Kontrollpunktes zwischen Israel und Gaza-Streifen einen 16-jährigen palästinensischen Jugendlichen. Nach palästinensischen Angaben hatten hunderte Demonstranten einen Stützpunkt der israelischen Armee mit Steinen beworfen. Die Soldaten feuerten daraufhin Gummi-ummantelte Stahlgeschosse auf die Palästinenser. Außerdem setzten sie Tränengas ein. Nach Angaben des Schiffa-Krankenhauses in Gaza wurden zudem 20 Menschen verletzt.
Knapp vier Wochen nach Beginn blutiger Unruhen in den Palästinensergebieten erwartet Israel eine weitere Eskalation. Der israelische Rundfunk meldete am Dienstag, die Palästinenser planten im Verlauf des Tages zahlreiche Protestmärsche und wollten dabei versuchen, die Abriegelung des Gazastreifens und des Westjordanlandes gewaltsam zu durchbrechen. Schulen und öffentliche Einrichtungen in den Palästinensergebieten blieben am Dienstag wegen eines moslemischen Feiertags geschlossen.
Die israelische Zeitung "Maariv" schrieb am Dienstag zudem, der Armee lägen Hinweise vor, dass die Palästinenser demnächst den Beschuss jüdischer Siedlungen und israelischer Militärposten mit Raketen kleineren Typs planten und auch verstärkt Sprengsätze legen wollten.
Nach Einschätzung der israelischen Armee ist vorläufig nicht mit einem Ende der Gewalt zu rechnen. Das Militär gehe davon aus, dass die Unruhen vermutlich noch einige Monate und auch im nächsten Jahr andauerten, berichtete die Zeitung "Haaretz". Die israelische Armee wolle deshalb beim Finanzministerium zusätzliche 2,5 Milliarden Schekel (etwa 1,4 Mrd DM) beantragen. Bei den Kämpfen sind bisher etwa 130 Menschen ums Leben gekommen, überwiegend junge Palästinenser.
Der am Montagnachmittag geschlossene Flughafen von Gaza soll nach dem Bericht von Radio Israel wieder eröffnet werden. Ein Zeitpunkt wurde jedoch nicht genannt.
Ungeachtet der Gewalt setzte US-Präsident Bill Clinton seine Vermittlungsbemühungen im Nahen Osten fort. "Ich arbeite daran", sagte Clinton am Montag in New York. Einzelheiten über seine Gespräche am Wochenende mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jassir Arafat wollte er nicht nennen. Sein Sprecher Jake Siewert erklärte, Barak und Arafat hätten Clinton versichert, dass sie dem Friedensprozess verpflichtet blieben.
Israelische Panzer haben am Montagabend erneut Gebäude in der palästinensischen Kleinstadt Beit Dschallah unter Feuer genommen, von denen aus der nahe gelegene Jerusalemer Vorort Gilo beschossen worden war. Nach Berichten des israelischen Fernsehens gab es auf beiden Seiten keine Verletzten. Ein Haus in Beit Dschallah, wo Scharfschützen vermutet wurden, sei beschädigt worden.
Zwischen beiden Ortschaften ist es in den letzten Tagen immer wieder zu Feuerwechseln gekommen. Mehrfach schlugen Kugeln von palästinensischen Schützen in israelischen Wohnungen in Gilo ein. Die israelische Armee hatte daraufhin am Sonntagabend mit Panzern und aus Hubschraubern zurückgefeuert. Israels Generalstabschef Schaul Mofas kündigte an, die Armee werde das zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegene Beit Dschallah abriegeln. Die Kleinstadt steht unter alleiniger palästinensischer Kontrolle.
Vier israelische Grenzpolizisten wurden von einem Molotowcocktail leicht verletzt, der gegen ihren Jeep Ost-Jerusalem geschleudert worden war. Zudem explodierte eine Bombe am Straßenrand, als ein israelischer Militärkonvoi nahe der israelischen Siedlung Netzarim im Gazastreifen vorbei fuhr. Niemand wurde nach den Angaben von Radio Israel verletzt.
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