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Analyse
Papst liest USA die Leviten

Papst Franziskus spricht vor US-Kongress
Papst Franziskus spricht vor US-Kongress FOTO: ap
Washington. Das Oberhaupt der katholischen Kirche redet beim ersten Auftritt eines Papstes im US-Kongress den Abgeordneten ins Gewissen - nicht zurückhaltend und manchmal in den Formulierungen auch drastisch. Von Frank Herrmann und Lothar Schröder

Der Papst spricht von Großmut und Nächstenliebe, vom Dienst am Allgemeinwohl und von Offenheit gegenüber dem Unbekannten. Er sei froh, sagt er, dass Amerika noch immer ein Land der Träume sei.

Mit den Worten des "Star-Spangled Banner", der US-Hymne, spricht er vom Land der Freien und Tapferen, was natürlich die patriotische Seele anrührt und mit stehenden Ovationen belohnt wird. Auch als er an die Instinkte der Einwanderernation appelliert, weiß er das Parlament geschlossen hinter sich: "Wir haben keine Angst vor Fremden, weil die meisten von uns selber einmal Fremde waren."

Standing Ovations, so kennt man es aus dem Kongress, wenn der Präsident vor beiden Kammern spricht, um die Lage der Nation zu skizzieren. Sobald aber der Staatschef kontroverse Themen berührt, geht optisch ein Riss durch den Saal. Die einen erheben sich jubelnd von den Plätzen, die anderen bleiben sitzen wie festgeklebt. Doch beim Papst? Nein, auch bei ihm machen sie keine Ausnahme, die beiden großen, momentan ziemlich verfeindeten Lager der US-Politik.

Obama empfängt Papst Franziskus in Washington FOTO: afp, VIP

Erste Papst-Rede überhaupt auf dem Capitol Hill

Gegen Ende seiner Rede, der ersten überhaupt, die ein Kirchenoberhaupt auf Capitol Hill hält, erinnert Franziskus an seine Enzyklika "Laudato si". Er habe darauf hingewiesen, dass menschliches Handeln der Umwelt schade, er sei überzeugt davon, dass der Mensch einen Unterschied mache, sagt er, und diesmal gilt das mit dem Riss auch für ihn. Eisiges Schweigen auf den Bänken der Konservativen, donnernder Applaus von denen der Demokraten.

Als er für ein Ende der Todesstrafe eintritt und betont, dass gerechte Bestrafung immer auch ein Element der Hoffnung und das Ziel der Rehabilitierung beinhalten müsse, fallen die Reaktionen ähnlich aus.

Franziskus ist nicht zurückhaltend und manchmal in seinen Formulierungen auch drastisch, als er fulminant den Waffenhandel anprangert, dessen einziger Zweck nach den Worten des Pontifex das Streben nach Geld sei - Geld, sagt Franziskus, das sehr oft von unschuldigem Blut triefe.

Schließlich noch ein Plädoyer für die Immigranten, die oft ohne gültige Papiere über die Grenze aus Mexiko kommen - und im Übrigen den Abwärtstrend der katholischen Kirche in "God's Own Country" stoppen.

Republikaner hatten Papst Franziskus ermahnt

Während Europa die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erlebe, sagt der Papst, strebten auch auf dem amerikanischen Kontinent Tausende nach Norden, um nach einem besseren Leben zu suchen. "Ist es nicht genau das, was wir für unsere Kinder wollen? Wir dürfen nicht fassungslos auf die Zahlen starren, wir müssen ihnen als Personen begegnen, ihre Gesichter ansehen und uns ihre Geschichten anhören."

Prominente Republikaner hatten Franziskus vorab zu verstehen gegeben, er wäre besser beraten, sich aufs Religiöse zu beschränken, statt Weltliches wie Klimawandel oder Einwanderungsreform anzuschneiden. Doch genau das ist beim 78-jährigen Franziskus eben nicht zu trennen.

Nachzulesen ist das in "Laudato si", jenem Lehrschrieben vom Juni dieses Jahres, die als Öko-Enzyklika leichtfertig abgestempelt und somit von vielen nur halb verstanden wurde. Der Heilige Vater aus Argentinien bindet die ökologische Frage an die soziale. Für ihn ist das eine ohne das andere nicht zu denken. Die globale Umweltzerstörung sei ein Ergebnis unserer konsumistischen Haltung, und eine Folge davon sei die weltweit zunehmende Armut.

In seiner ersten Enzyklika steht aber auch der Ruf nach einer Weltautorität, die die Probleme umfassend, also global anpacken kann. Auch Amerika wird dazu nicht in der Lage sein; aber zu einem mächtigen Bündnispartner mit neuen Wertmaßstäben könnten die Vereinigten Staaten doch werden.

So gibt es auch offene Ohren für die päpstliche Botschaft, etwa bei John Boehner, dem Sprecher, dem Vorsitzenden des Repräsentantenhauses. Für ihn erfüllt sich mit dem Besuch aus dem Vatikan ein Traum, den er vor über zwei Jahrzehnten zu träumen begann.

1994, damals war Johannes Paul II. Papst und Boehner ein aufstrebender Abgeordneter aus Ohio, brachte er den damaligen Sprecher dazu, erstmals einen Pontifex in den Kongress einzuladen. Ohne Erfolg. Als er die Offerte im März 2014 höchstpersönlich wiederholte, war er nach eigenen Worten selbst überrascht, dass der Vatikan Zustimmung signalisierte. "Für einen kleinen katholischen Jungen wie mich ist das ein Riesending", twitterte Boehner.

Paul Gosar indes, ein Republikaner aus Arizona, blieb dem historischen Auftritt demonstrativ fern, mit der Begründung, er lasse sich vom Heiligen Vater nicht in Sachen Klimawandel belehren. Es ist ein Satz, der Stephen Schneck, einen Gelehrten der Catholic University of America, zu heftigen Widerworten reizt: Keine Partei könne den Pontifex für ihre Agenda beanspruchen, was ihn motiviere, sei die Sorge um menschliches Leben. Er hoffe doch sehr, so Schneck, "dass uns der Papst herauszieht aus diesen kleinlichen Streitereien".

Papst Franziskus redet den Abgeordneten ins Gewissen, und einmal nennt er den schrankenlosen Kapitalismus den "Mist des Teufels". Doch ist es kein dumpfes Moralisieren. Er erinnert die Menschen daran, dass unser Zeitalter vielleicht als eines der verantwortungslosesten der Geschichte in Erinnerung bleiben wird, wie es in der Enzyklika heißt. Das sagen mittlerweile viele, doch nur wenige sind bereit, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Papst Franziskus ist kein Politiker und wird es nicht sein. Das verschafft ihm Unabhängigkeit und befreit ihn von jeder taktischen Rücksichtnahme. Franziskus hat auch in den USA diese Chance genutzt und das Evangelium beim Wort genommen.

Quelle: RP
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