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Analyse
Papst reicht Juden erneut die Hand

Rom. 50 Jahre nach dem bahnbrechenden Konzils-Dokument "Nostra aetate" bekräftigt eine Päpstliche Kommission interreligiöse Dialogbereitschaft. Das wirkt hochaktuell angesichts religiös motivierter Barbarei in unserer Zeit. Von Reinhold Michels

Jesus von Nazareth - laut christlicher Überzeugung "wahrer Gott und wahrer Mensch" - war nach seiner Menschennatur Jude; eine Jüdin war auch Jesu Mutter, ebenso die Apostel; die Evangelisten, die "Gottes Wort" niederschrieben, waren ebenfalls jüdischen Geblüts. Insofern ist die Aussage des Jahrhundertpapstes Johannes Paul II., der 1986 als erster Petrus-Nachfolger ein jüdisches Gotteshaus, die Große Synagoge von Rom, besuchte, eine Selbstverständlichkeit, obwohl sie vielerorts als sensationell wahrgenommen wurde. Johannes Paul II. sagte zu seinen jüdischen Gastgebern: "Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder." Salopper formuliert ließe sich hinzufügen: Ohne Judentum kein Christentum. Kurienkardinal Kurt Koch sagte gestern in Rom, der Dialog mit dem Judentum sei in keiner Weise mit dem Dialog mit anderen Weltreligionen vergleichbar, weil das Christentum unzweifelhaft jüdische Wurzeln aufweise.

Mehr noch: In dem bahnbrechenden Konzilsdokument "Nostra aetate" ("In unserer Zeit"), zu dessen Verabschiedung vor 50 Jahren gestern der Vatikan eine neue Dialog-Offerte an die jüdische Religion richtete, beendete die Katholische Kirche ihre jahrhundertealte wenig christliche, antijudaische Haltung gegenüber dem Volk der einst geschmähten "Christusmörder". In dem gestern von der "Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen" in Rom veröffentlichten Erinnerungsdokument an "Nostra aetate" heißt es, beide Religionen seien unwiderruflich aufeinander angewiesen, das Gespräch untereinander sei nicht Kür, vielmehr Pflicht. Hervorzuheben wäre außerdem ein Satz zur Missionierung, die beispielsweise für den jüngst verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt eines der Grundübel aller Religionen darstellt. Der Satz lautet: Auch wenn Katholiken im Dialog mit dem Judentum Zeugnis für ihren Glauben an Jesus Christus ablegen, enthielten sie sich jedoch jeder Bemühung, sie aktiv zu bekehren oder zu missionieren. Eine institutionell verankerte Judenmission kenne die katholische Kirche nicht, schreibt die vatikanische Kommission.

Jüdische und auch christliche Gläubige sind etwas skeptischer. Sie verweisen auf die so genannte "Karfreitagsfürbitte" zur Bekehrung der Juden im Sinne christlichen Heilsversprechens. 2008 war über die Fürbitte ein neuer christlich-jüdischer Streit ausgebrochen, nachdem Papst Benedikt XVI. die alte lateinische Messe als außerordentliche Form des römischen Ritus wieder zugelassen hatte. In der selten praktizierten alten lateinischen Messe wird sinngemäß darum gebetet, dass die Herzen der Juden erleuchtet werden mögen, damit sie Jesus Christus als Retter und Heiland der gesamten Menschheit erkennen mögen. Bevor zum Ende des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) "Nostra aetate" als großes interreligiöses Versöhnungsangebot Roms in die Welt gesandt wurde, war in eben jener Karfreitagsfürbitte noch von den "treulosen" und "verblendeten" Juden die Rede. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und der seit Kurzem emeritierte Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff, stimmen darin überein, dass auch die auf Benedikt XVI. zurückgehende Neuformulierung der Fürbitte unglücklich gewählt sei. Schuster forderte die katholische Kirche dazu auf, die Formulierung gänzlich zurückzunehmen. Mussinghoff stimmte dem zu, was wiederum eine für Bischöfe bemerkenswerte Teil-Distanzierung von einem päpstlichen Schritt bedeutet. Der Verdacht keimt, dass sich die katholische Weltkirche doch unverändert als die allein selig machende Kirche begreift und nur in zeitgemäß geglätteter Form alten Missionierungs-Wein in neue Schläuche füllt.

"Nostra aetate" und der nun veröffentlichte Erinnerungs- und Bekräftigungstext gibt jedoch keinen wirklichen Anlass für diesen Verdacht. So erklärt sich auch, dass Zentralrats-Präsident Schuster "Nostra aetate" als einen der "wichtigsten kirchlichen Texte überhaupt" charakterisiert. Zum einen werde jegliche Form von Anti-Judaismus und Anti-Semitismus als unchristlich verurteilt; zum anderen sei darin ein Schuldeingeständnis Roms für den über Jahrhunderte hinweg praktizierten Anti-Judaismus enthalten. Wozu dieser unchristliche Geist auch geführt hat, davon erzählt die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, in dem Nazi-Barbaren im Holocaust ihr satanisches Requiem verfassten.

Man könnte angesichts der aktuellen Bedrohung durch missionarisch gesinnte Verbrecher islamischen Glaubens fragen, ob denn gerade jetzt ein Dokument über christlich-jüdischen Dialog nötig, ob nicht ein christlich-islamischer Dialog ungleich viel wichtiger sei. Aber bereits "Nostra aetate" bezog sich 1965 auf alle nicht-christlichen Religionen, explizit auch auf die Muslime. Von "Hochachtung" gegenüber dem Glauben der Muslime ist die Rede, und von christlich-muslimischen Gemeinsamkeiten wie: dem monotheistischen Glauben an den einen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde; oder die muslimische Verehrung Jesu zwar nicht als Gottessohn, aber als Propheten.

Christlich-muslimische Gemeinsamkeiten bestehen schließlich in der Verehrung der Mutter Jesu, im Glauben an die Auferstehung und im Gebot einer sittlichen Lebensführung. Fast prophetisch klingt die 50 Jahre junge Aufforderung, Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und einzutreten für Schutz und Förderung sozialer Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und des Friedens und der Freiheit für alle Menschen. Dahinter gehörte eigentlich ein dickes interreligiöses Ausrufezeichen.

Quelle: RP
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