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Berlin
Peer Steinbrück als Mitt Romney verulkt
Berlin. Die "New York Times" vergleicht den Kanzlerkandidaten mit dem gescheiterten Obama-Herausforderer. Von Michael Bröcker

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Nun widmet sich die angesehene US-Zeitung "New York Times" dem Sozialdemokraten auf ihrer Titelseite – eigentlich eine Ehre für deutsche Politiker, die jüngst nur Kanzlerin Angela Merkel zuteil wurde. Doch was der Berliner Korrespondent der US-Zeitung, Nicholas Kulish, schreibt, dürfte dem Spitzengenossen gar nicht gefallen: Kulish vergleicht Steinbrück nach dessen rhetorischen Ausfällen – Steinbrück hatte den "Frauenbonus" Merkels thematisiert und das Kanzlergehalt als zu niedrig kritisiert – mit dem gescheiterten US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney.

Die "Frauenbonus"-Aussage sei Steinbrücks "Binders-full-of-women-Moment", heißt es in dem Bericht. Damit zielt der Autor auf eine Aussage des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Romney, der bei einem Fernsehduell mit Präsident Barack Obama im US-Wahlkampf gesagt hatte, ihm seien auf der Suche nach Mitarbeiterinnen "Aktenordner voller Frauen" gebracht worden. Romneys Aussagen waren tagelang Gegenstand von Hohn und Spott in US-amerikanischen Medien. Nun habe Steinbrücks "undiplomatische Aussage" nach einer Reihe von "Fehlern" heftige Kritik in Deutschland hervorgerufen, berichtet die Zeitung. Der SPD-Kanzlerkandidat müsse angesichts der Popularität der Kanzlerin zwar Wirbel machen, heißt es weiter in der "New York Times": "Aber vielleicht nicht so, wie Steinbrück das gemacht hat."

Der wegen hoher Vortragshonorare ohnehin in der Kritik stehende SPD-Kanzlerkandidat hatte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" am vergangenen Wochenende gesagt, gemessen an der Leistung und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weniger Verantwortung verdiene der Kanzler oder die Kanzlerin in Deutschland nicht genug. "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen" verdiene mehr, so Steinbrück. In der Sache hat Steinbrück durchaus recht: Auch im Vergleich zu ausländischen Staatschefs sind die Gesamtbezüge der Bundeskanzlerin mit gut 307 000 Euro nicht gerade üppig (siehe Grafik). SPD-Politiker Wolfgang Thierse betonte denn auch gestern, dass die Äußerungen Steinbrücks "in der Sache nichts Neues" ergeben hätten.

Doch darum geht es auch nur vordergründig. Dass sich ausgerechnet der Kanzlerkandidat der SPD, der mit Vortragshonoraren Millionen verdiente, nun auch noch ein höheres Kanzlergehalt wünscht, wird hinter den Kulissen auch in der SPD mit Kopfschütteln kommentiert. Steinbrück fehle das "politische Fingerspitzengefühl", bemerkt ein führender SPD-Bundestagsabgeordneter. Es gebe Wichtigeres zu besprechen als das Kanzlergehalt, hatte die Sprecherin der SPD-Linken, Hilde Mattheis, bissig bemerkt.

In seinem Interview hatte Steinbrück gesagt, Merkel habe bei der anstehenden Bundestagswahl einen "Frauenbonus". Auch das sei nicht gerade ein "Gewinnerthema", heißt es nun in der SPD. Im Willy-Brandt-Haus herrscht zunehmend Ratlosigkeit. Ein führender Mitarbeiter des Hauses sprach gestern vom "dritten Neustart", der Steinbrück nun gelingen müsse.

Quelle: RP/jh-
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