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Plagiatsvorwürfe
Unionspolitiker springen von der Leyen zur Seite

Porträt: Von der Leyen - Ministerin mit Ambitionen
Porträt: Von der Leyen - Ministerin mit Ambitionen FOTO: dpa, Hannibal Hanschke
Berlin. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen soll bei ihrer Doktorarbeit im Fach Medizin ganze Textpassagen abgeschrieben haben. Solche Vorwürfe treffen Politiker besonders hart. Denn ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Von Birgit Marschall und Bertram Müller

Wer einmal pfuscht, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Das Volk hat ein gutes Gespür dafür, was es von Politikern erwarten kann. Anstand zählt dazu, Integrität und Lauterkeit. Jetzt sieht es wieder einmal so aus, als habe eine Politikerin diesen hohen, aber doch auch selbstverständlichen Anforderungen nicht genügen können. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist dem Vorwurf ausgesetzt, sie habe in ihrer Medizin-Doktorarbeit aus dem Jahr 1990 ganze Textpassagen abgeschrieben. Wie andere beschuldigte Politiker zuvor hat sie den Vorwurf des Plagiats erst einmal zurückgewiesen. Und auch dies kommt einem von früheren Fällen bekannt vor: Parteifreunde nehmen sie in Schutz, ohne sich allzu sehr festzulegen.

Unionsfraktionsvize Thomas Strobl äußerte: "Die Menschen interessiert, wie wir aktuelle Probleme lösen und Herausforderungen angehen. Im Moment steht anderes im Mittelpunkt als irgendwelche Plagiatsvorwürfe." Und Christian von Stetten, Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, dem etwa die Hälfte der Unionsabgeordneten angehört, gab über Ursula von der Leyen zu Protokoll: "Sie hat eine Untersuchung selbst in die Wege geleitet. Wir warten das ruhig ab. Für sie gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist kein Bereich, in dem man jemandem politisch ein Bein stellt."

Solch vagen Beteuerungen merkt man an, dass sie nur so lange halten, bis Fakten den Plagiatsvorwurf als gerechtfertigt erweisen. Schon was sich seit dem Wochenende auf der Internetplattform "VroniPlag Wiki" findet, wird der Beklagten wenig Mut machen. Dort sind auf 27 der insgesamt 62 Textseiten Plagiatsfundstellen dokumentiert. Die Medizinische Hochschule Hannover, an der die Ministerin promoviert wurde, will die Vorwürfe nun prüfen.

Gerhard Dannemann, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Mitarbeiter von VroniPlag, sagte dem Internet-Portal "Spiegel Online", es handle sich eher um einen mittelschweren als einen schweren Fall. Die regelwidrig übernommenen Passagen seien "eher kurz als lang", und die meisten Quellen würden "irgendwo in der Arbeit genannt, allerdings nicht im jeweiligen Kontext". Anstoß nimmt der Plagiatsjäger dagegen an 23 "Fehlverweisen", also Hinweisen auf Quellen, in denen der zitierte Inhalt nicht zu finden ist. "Das ist im medizinischen Bereich besonders gefährlich", sagte Dannemann mit Blick auf von der Leyens Auslassungen unter dem Titel "C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung".

Veronica Saß, Tochter des CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber, war 2011 das erste Opfer der damals noch anonymen Plagiatsjäger. Kurz darauf stürzte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg aus seinem Amt. Wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert beim Verfassen von Doktorarbeiten mehr gepfuscht als zuvor?

Zu fürchten ist, dass es schon immer solche und solche Dissertationen gab, nur blieb das öffentlich unbemerkt. Aber auch nicht ganz. Man erinnere sich an das Gelächter, als jemand die 1958 publizierte Doktorarbeit von Helmut Kohl ans Tageslicht zerrte und "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" zerpflückte.

Anders als früher, vor dem Internet-Zeitalter, machen sich heute Plagiatsjäger einen Spaß daraus, Politiker, die sie nicht mögen, über deren eigene Vergangenheit stolpern zu lassen. Schon früh fiel auf, dass vor allem Politiker der Union die Opfer waren - und dass die Aufdeckungen nicht nur ein Spaß waren, sondern politische Ziele verfolgten nach dem Motto: "Wer nicht genehm ist, dem weisen wir etwas nach. Die eigenen Leute lassen wir ungeschoren".

Im Internet macht die Entdeckung von Plagiaten im Nu die Runde. Wenn die Maschinerie erst angelaufen ist, arbeitet sie erbarmungslos auf die Zerstörung dessen hin, der enttarnt wird. Doch man sollte die Schuld nicht allein den Pfuschern zuweisen. Es scheint, als sei die Betreuung von Doktoranden im Laufe der Jahrzehnte immer schludriger geworden. Das legt schon die Statistik nahe. Wurden von 1891 bis 1911/12 in Preußen insgesamt 23.217 Personen promoviert, waren es allein im Jahr 2013 in Deutschland 27.711 Personen. Nicht jeder Doktorvater, nicht jede Doktormutter macht sich die Mühe, ihren promotionswilligen Studierenden einzubläuen, dass sie sich penibel an die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens halten müssen. Die vage Zitierweise in der Arbeit der früheren Bundesbildungsministerin Annette Schavan hätte dem Betreuenden unbedingt auffallen müssen. Zudem war es schon damals, 1980, üblich, dass Professoren ihren Studenten rieten, zunächst ein Diplom, ein Staatsexamen oder einen Magister Artium zu machen. Dann hätte Annette Schavan, der die Düsseldorfer Heine-Uni den Titel 2013 aberkannte, bei ihrer Doktorarbeit nicht nur auf einem sichereren wissenschaftlichen Fundament arbeiten können, sondern hätte nach der Aberkennung auch nicht ohne jeglichen akademischen Abschluss dagestanden.

Diese "grundständige" Promotion, bei der von Studienbeginn an nur dieser Abschluss angestrebt wird, ist heute zum Glück an den meisten deutschen Unis nicht mehr möglich. Auch externe Promotionen wie im Falle zu Guttenberg sind problematisch, weil der Betreuer meist zu wenig Kontakt zu seinem Promovenden hat und daher nicht weiß, wie weit er ihm vertrauen kann. Denn das ist klar: Ohne ein gewisses Vertrauen kann kein Professor eine Dissertation betreuen.

Quelle: RP
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