| 09.14 Uhr

Alexander Van der Bellen
Präsident der Mitte - denkbar knapp

Wien. Österreichs neuer Bundespräsident heißt Alexander Van der Bellen. Er entschied den Wahlkrimi mit 50,3 Prozent der Stimmen für sich. Sein Gegner, FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, scheiterte an den Briefwählern. Von Rudolf Gruber

Am Ende erwies sich der siegessichere Norbert Hofer als guter Verlierer. Bereits eine halbe Stunde vor Bekanntgabe des offiziellen Ergebnisses des zweiten Durchgangs der österreichischen Bundespräsidentenwahl schrieb der FPÖ-Kandidat auf Twitter an seine Wähler: "Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst."

Mit 31.026 Stimmen oder 0,6 Prozentpunkten Vorsprung hat Van der Bellen den Sieg eingefahren. In einer Rede erklärte er gestern vor Anhängern, er sehe keine Spaltung des Landes: "Die eine Hälfte ist gleich wichtig wie die andere. Gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich." Seit 1945 haben die traditionellen Staatsparteien SPÖ (Sozialdemokraten) und ÖVP (Konservative) alle Präsidenten gestellt. Doch diesmal waren beide Kandidaten im ersten Durchgang am 24. April mit blamablen Ergebnissen ausgeschieden. So kam es zu einem Duell in der Stichwahl, das es bislang in Österreich noch nie gab: Ein "Blauer", wie die FPÖler genannt werden, trat gegen einen von den Grünen unterstützten Kandidaten an.

Der Rechtspopulist Hofer hatte am Sonntagabend allein mit den Stimmen, die an der Urne abgegeben wurden, die Nase noch knapp vorn. Die Einrechnung der rund 700.000 gültigen Briefwählerstimmen in die Prognose ergab ein Patt von 50:50. Nach deren Auszählung kehrte sich gestern die Reihenfolge um: 50,3 Prozent für Van der Bellen, 49,7 für Hofer.

Das Forschungsinstitut Sora hat die Gründe ermittelt, wie dem 72-jährigen Grünen-Kandidaten, der im ersten Durchgang am 24. April noch 14 Prozentpunkte hinter dem FPÖ-Rivalen gelegen hatte, die fulminante Aufholjagd gelungen ist. Die Briefwähler gaben den Ausschlag für Van der Bellen, weil Wähler niederer sozialer Schichten, in Mehrheit FPÖ-Anhänger, diese Möglichkeit viel weniger nützen als jene mit höherer Qualifikation und gutem Einkommen.

Deshalb eroberte Van der Bellen die Ballungsräume, Hofer die ländlichen Regionen. Acht von neun Landeshauptstädten fielen an den Sieger; Hofer konnte nur Eisenstadt (13.300 Einwohner), Hauptstadt seiner engeren Heimat Burgenland, für sich gewinnen. Van der Bellen siegte in Wien mit 61,2 Prozent der Stimmen unerwartet hoch. Bemerkenswert ist, dass er auch in den meisten großen Arbeiterbezirken, die bei Wahlen in den vergangenen Jahren an die FPÖ gefallen waren, siegreich blieb. Der FPÖ-Mann Hofer konnte offenbar von der dort vorherrschenden Ausländerfeindlichkeit und hohen Arbeitslosigkeit nicht profitieren.

Exakt spiegelverkehrt ist das Verhältnis nach Geschlecht: Van der Bellen gewann 60 Prozent der weiblichen Wähler, Hofer 60 Prozent der Männer. Die Frage des Führungsstils, die im Wahlkampf eine große Rolle spielte, lässt in beiden Wählerlagern auf ein dürftiges Demokratieverständnis schließen: Demnach bevorzugen 77 Prozent der Hofer-Wähler einen "starken Präsidenten"; was überrascht ist, dass sich auch 43 Prozent der Van der Bellen-Wähler mit einem autoritären Amtstil anfreunden können.

Der Ökonom Alexander Van der Bellen wurde 1944 in Wien geboren, wuchs aber in Tirol auf, wo er heute noch im Kaunertal lebt. An der Universität Innsbruck lehrte er Finanzwissenschaft, ehe er in die Politik einstieg. Als Bundessprecher der Grünen von 1997 bis 2008 gelang es dem bedächtigen Mann mit dem typischen Dreitagebart, den einstmals wirren Haufen der Ökopartei zu konsolidieren. Die Grünen sind heute eine erfolgreiche Oppositionspartei, kamen aber bislang über zwölf Prozent der Stimmen nicht hinaus.

Seine Familie hat niederländisch-russische Wurzeln. Vorfahren waren im 17. Jahrhundert in das Russland Peters des Großen ausgewandert. Die Motive sind ihm mangels historischer Aufzeichnungen selbst nicht geläufig, wie er in einem Interview einmal sagte. Seine Großeltern flohen 1917 vor den Bolschewiki nach Estland, seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs in ein deutsches Flüchtlingslager ausgesiedelt und landeten wenig später in Wien. Kurz nach der Geburt des kleinen Alexander flohen sie vor der anrückenden Roten Armee nach Tirol, wo Van der Bellen auch aufwuchs, studierte und arbeitete.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Alexander Van der Bellen: Präsident der Mitte - denkbar knapp


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.