Bandenkrieg in Belfast: Protestanten bekämpfen sich untereinander
zuletzt aktualisiert: 22.08.2000 - 12:34Belfast/London (dpa). Es geht um Gier, nicht um Gott. In Nordirland bekämpfen sich derzeit nicht die katholischen Republikaner und die pro-britischen Protestanten - protestantische Loyalisten ermorden sich gegenseitig. Eine lange nicht gekannte Atmosphäre der Gewalt hat sich über die nordirische Hauptstadt Belfast gelegt, wo das britische Militär wieder auf den Straßen des unruhigen pro- britischen Shankill-Viertels patrouilliert. In den katholisch- republikanischen Vierteln herrscht dagegen ein geradezu idyllische Ruhe.
Zwischen den Führern der paramilitärischen protestantischen Milizen ist ein Krieg ausgebrochen, der nicht von ungefähr an amerikanische Bandenkriege der 20er Jahre erinnert und von entsetzten Politikern als Mafiakrieg bezeichnet wird. Einerseits werden alte politische Rechnungen beglichen, an deren Entstehen sich kaum noch jemand erinnert, andererseits kämpfen die Handlanger der Killer gierig um ihre Territorien für Schutzgelderpressung und Drogenhandel.
Klar, dass Johnny Adair (36) auch diesmal wieder dabei war. 1994 war er als Organisator des Terrors in Nordirland zu 16 Jahren Haft verurteilt worden, seit 1999 ist er gemeinsam mit 430 anderen verurteilten Terroristen dank des Friedensabkommens für Nordirland wieder frei. Und seither bemüht er sich, nicht nur als unumstrittener Chef der Ulster Defence Association (UDA) wieder die oberste Gewalt der Protestanten in Belfast zu sein, sondern auch Drogenhandel und Schutzgelderpressung zu konsolidieren.
Adairs UDA beschießt sich derzeit mit den protestantischen Glaubensbrüdern der Ulster Volunteer Force (UVF). Als die UDA am Wochenende in Belfast ein "Kulturfestival" startete (die Kultur bestand vor allem im Vorzeigen der Maschinenpistolen), da rissen die Rivalen von der UVF einige Fahnen nieder, was sofort dazu führte, dass die der UVF zugerechnete Rex-Bar aus einem vorbeifahrenden Auto mit Schüssen durchsiebt wurde, wobei vier Menschen verletzt, aber erstaunlicherweise niemand getötet wurde. Die UVF antwortete Montag, als ebenfalls aus einem Auto heraus zwei Männer erschossen wurden. Der eine war Jackie Coulter, ein prominenter Unterstützer der UDA und Vertrauter von Adair.
"Nichts mit Politik zu tun"
Johnny Adair erschien kurz am Tatort - und schon wenige Minuten später wurde aus einem Auto die Zentrale der Progressive Unionist Party (PUP) unter Beschuss genommen, deren kugelsichere Fenster allerdings standhielten. Da in Nordirland alle Terroristen auch Parteien haben, ist die PUP das politische Gesicht der UVF, während sich die UDA der Ulster Democratic Party (UDP) verbunden fühlt.
Der britische Nordirland-Minister Peter Mandelson appellierte an die Vernunft und erklärte, dies alles habe mit Politik nichts zu tun, sondern es handele sich schlicht "um nicht mehr und nicht weniger als Bandenkrieg".
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