Diplomaten bemühen sich um weiteres Treffen: Prozess gegen Shelter-Now-Mitarbeiter geht in die zweite Woche
zuletzt aktualisiert: 10.09.2001 - 15:26Kabul (rpo). Im Prozess gegen die inhaftierten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Shelter Now bricht mittlerweile die zweite Woche an. Oberrichter Nur Mohammed Sakib kam am Montag am Obersten Gericht in Kabul mit Kollegen aus ganz Afghanistan zusammen. Bei dem wöchentlichen Treffen sollte auch der Fall der acht Ausländer angesprochen werden.
Wie Mitarbeiter des Obersten Gerichts mitteilten, wurde aber nicht mit einer Entscheidung gerechnet.
Das eigentliche Verfahren gegen die vier Deutschen, zwei Amerikanerinnen und zwei Australier sollte am Dienstag fortgesetzt werden. Die Angeklagten waren am Samstag erstmals vor Gericht erschienen und hatten die gegen sie erhobenen Vorwürfen zurückgewiesen. Als nächstes müssen die Shelter-Now-Mitarbeiter wahrscheinlich entscheiden, ob sie sich vor Gericht von einem Anwalt vertreten lassen oder sich selbst verteidigen wollen.
Die drei Diplomaten aus Deutschland, Australien und den USA bemühten sich unterdessen um ein weiteres Treffen mit den Inhaftierten. Schriftlich baten sie das Außenministerium der Taliban bereits am Sonntag darum, ihre acht Landsleute sehen zu dürfen. "Wir hoffen, sie kommen unserer Bitte nach", sagte der Generalkonsul der US-Botschaft in Pakistan, David Donahue.
Bislang wollte sich der Oberste Richter der Taliban weder zum Strafmaß noch zur Dauer des Verfahrens äußern. Das letzte Urteil fällt ohnehin der geistliche Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar. Nach seiner als "Edikt 14" bekannt gewordenen Verfügung droht Ausländern bei Missionstätigkeiten eine Haftstrafe und die Ausweisung, afghanischen Moslems dagegen die Todesstrafe. Mit den acht Ausländern waren vor rund fünf Wochen auch 16 afghanische Mitarbeiter von Shelter Now festgenommen worden. Ihnen soll getrennt der Prozess gemacht werden.
EU-Kommissar will mit Taliban reden
Der für Entwicklung und humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Poul Nielson will sich in Afghanistan für die dort angeklagten Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisation «Shelter Now» einsetzen. Bei seiner am Mittwoch beginnenden Reise in die Region werde er das Schicksal der Helfer, unter denen sich auch vier Deutsche befinden, bei Gesprächen mit den radikal-islamischen Taliban zur Sprache bringen, sagte Nielson am Montag in Brüssel.
Der EU-Kommissar wies allerdings darauf hin, dass dieses Thema nicht im Zentrum seiner Reise nach Pakistan und Afghanistan vom 12. bis 19. September stehe. Die Helfer - vier deutsche, zwei Australier, zwei Amerikanerinnen - müssen sich derzeit vor einem Gericht in Kabul wegen des Vorwurfs der christlichen Missionierung verantworten.
Militärchef der Opposition überlebt Anschlag
Der Führer der Taliban-Gegner im Norden Afghanistans, Ahmed Schah Massud, ist bei einem Bombenanschlag leicht verletzt worden. Das teilte am Montag ein Sprecher der afghanischen Botschaft in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe mit. "Er ist bei Bewusstsein und erteilt weiterhin Befehle", sagte der Diplomat. Drei Menschen seien bei dem Anschlag auf Massud in der Ortschaft Hodscha-Bachauddin in der Provinz Tachar getötet worden.
Zwei angebliche arabische Journalisten hatten den Angaben zufolge am Sonntagabend während eines Interviews mit Milizenfüher Massud einen in einer Videokamera versteckten Sprengsatz gezündet. Bei der Explosion seien die beiden Angreifer und ein afghanischer Diplomat getötet worden. Massud sei an Armen und Beinen verletzt worden.
Die russische Agentur Itar-Tass berichtete dagegen unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen in Duschanbe, Massud sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Die afghanische Botschaft in Wien dementierte diese Meldung am Montag und erklärte, Massud sei leicht verletzt worden und befinde sich derzeit in medizinischer Behandlung.
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