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Analyse
Rätsel um Möllemanns letzten Brief
Analyse. Zehn Jahre nach seinem Tod ist ein Schreiben Jürgen Möllemanns an seinen engen Freund Wolfgang Kubicki an die Öffentlichkeit gelangt. Der Brief gibt neue Rätsel um den Tod des früheren FDP-Spitzenpolitikers auf. Von Andreas Gruhn und Eva Quadbeck

Anfang April 2003 erhält der schleswig-holsteinische Fraktionschef der FDP, Wolfgang Kubicki, einen dringlichen Anruf seines engen Freunds Jürgen Möllemann. Möllemann, der zu diesem Zeitpunkt nach heftigem öffentlichen Streit um seine israelfeindlichen Wahlkampfaktionen bereits aus der FDP ausgeschieden ist, bittet um ein Treffen. In einem Hamburger Hotel überreicht er Kubicki einen braunen Umschlag mit der Bitte, diesen nach seinem Tod zu öffnen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung.

Zwei Monate später, am 5. Juni 2003, als gerade die Durchsuchungen in Möllemanns Domizilen im In- und Ausland im Gang sind, überrascht die Nachricht vom Todessprung des einstigen Spitzenpolitikers und Vizekanzlers die Nation. Am Morgen hat das Parlament die Immunität Möllemanns aufgehoben. Noch am Abend öffnet Kubicki den Brief des Freunds, der merkwürdigerweise auf den 17. Mai datiert ist. Es ist eine Mischung aus Abschiedsbrief und Testament. Erhellendes, wie mögliche Gründe für einen Freitod, findet sich offenbar nicht darin. Vielmehr regelt Möllemann Geschäftliches. Er benennt seine Frau Carola als Erbin, es geht um Dokumente, Konten und Geschäftsverbindungen. Möllemann bittet Kubicki, seiner Frau und den Töchtern im Fall seines Todes bei der "Bewältigung der wirtschaftlichen/rechtlichen Fragen" zu helfen.

"Ich hatte in dem Brief mit Hinweisen darauf gerechnet, von wem er sich bedroht und verfolgt fühlte. Und was die Gründe dafür waren", sagte nun Kubicki der "Bild"-Zeitung.

Viele Freunde mit FDP-Parteibuch hatte Möllemann zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr. Im Wahlkampf 2002 hatte er begonnen, sein eigenes Lebenswerk zu zerstören. Damals ließ er als Landesvorsitzender an die Haushalte in Nordrhein-Westfalen anti-israelische Flugblätter verteilen und löste damit eine öffentliche Welle der Empörung aus. Zumal er in verschiedenen Interviews nachlegte. Er verstieg sich dazu zu behaupten, der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon und der damalige Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, "mit seiner intoleranten und gehässigen" Art hätten dem Antisemitismus Zulauf verschafft. Diese öffentliche Konfrontation mit den Juden in Deutschland führte dazu, dass Möllemann seine Parteiämter verlor, aus der Bundestagsfraktion der FDP ausgeschlossen wurde und am Ende auch aus der Partei austrat.

Am Ende stand der einstige Star der Liberalen völlig isoliert da. Er selbst sprach von einer "Hetz- und Treibjagd" auf ihn. In der Partei löste sein Rückzug hingegen Erleichterung aus.

Möllemann hatte offenbar seinen Spürsinn für populäre Themen und kommunikative Volltreffer verloren. Die israelfeindliche Propaganda verging im Wahlkampf nicht. Die öffentliche Empörung über Möllemanns Kurs schadete der Partei eindeutig.

Die 7,4 Prozent, die die Liberalen bei der Bundestagswahl 2002 erreichten, brachten ihnen Hohn und Spott ein. Hatte Möllemann doch das "Projekt 18" erfunden, also das Ziel propagiert, die FDP könne im Bund 18 Prozent der Stimmen erlangen. Der damalige Spitzenkandidat und heutige Außenminister Guido Westerwelle trat sogar in Talkshows mit einer gelben Achtzehn unter den Schuhsohlen auf.

Die Flugblätter trugen Möllemann zudem Ärger mit der Staatsanwaltschaft ein. Die Juristen interessierten sich für die Finanzierung des Wahlkampfmaterials. 980 000 Euro, so das spätere Ergebnis der Ermittlungen, hatte Möllemann gestückelt in mehr als 120 Einzel-Spenden über Mittelsmänner in die Parteikasse dafür einzahlen lassen. Dass die Partei für diesen Vorgang auch noch eine Spendenquittung über den Betrag ausstellte, die an Heiligabend 2003, also ein halbes Jahr nach dem Tod, bei der Witwe Möllemanns einging, gehört zu den makabren Fußnoten. Der damalige FDP-Schatzmeister Günter Rexrodt, der die finanziellen Verstrickungen aufklärte, reagierte kühl: "Herr Möllemann hat uns mit seinen Spenden mehr Ärger gemacht als wir ihm mit der Quittung."

Seitdem verfolgt das schwere Erbe des Jürgen W. Möllemann die FDP. Spenden in Höhe von insgesamt 2,2 Millionen Euro, die nicht korrekt verbucht wurden, sorgten dafür, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) 2009 eine Strafe in Höhe von 4,3 Millionen Euro aussprach. Die Partei klagte sich durch die Instanzen, zumindest über einen Teil der Summe ist auch heute nicht endgültig entschieden. Was die Liberalen aber nie bestritten haben, ist die heikle Finanzierung jenes Schriftstücks, das Möllemanns Parteikarriere beendete. Die dafür fällige Strafe hat die Partei bereits bezahlt.

Nicht nur die dubiosen Transaktionen, auch die nach wie vor ungeklärten Umstände seines Todes beschäftigen die Öffentlichkeit bis heute. Offenbar hatte sich Möllemanns Hauptschirm geöffnet, er klinkte diesen aber aus und öffnete dann nicht den Reserveschirm. Hinweise auf Mängel oder Manipulationen am Fallschirm gab es keine. Daher wird vermutet, dass Möllemann absichtlich in den Tod gesprungen ist.

Die Staatsanwaltschaft Essen kam im Juli 2003 zu dem Schluss, die Frage "Unglücksfall oder Freitod?" lasse sich nicht beantworten, und stellte das Ermittlungsverfahren ein. Der Obduktionsbefund ergab, dass die Verletzungen beim Sturz nahelegten, dass Möllemann absichtlich in den Tod gesprungen sei. Selbst ein Film eines seiner Springer-Kameraden, der Jahre später in die Öffentlichkeit gelangte, brachte keine Klarheit.

Für die Staatsanwaltschaft ist der nun bekannt gewordene Brief kein Anlass, die Ermittlungen erneut aufzunehmen. Ein Sprecher sagte: "Das spielt für uns keine Rolle. Der Brief ist ja nicht einmal vollständig veröffentlicht."

Quelle: RP/gre/caf/jh-
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