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Nach Anschlag auf Erfurter Synagoge: Rechtsextremer festgenommen

zuletzt aktualisiert: 24.04.2000 - 17:59

Erfurt (AP). Vier Tage nach dem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge ist ein 18-jähriger aus Gotha als Tatverdächtiger festgenommen worden. Der einschlägig vorbestrafte Mann wird dem rechten politischen Spektrum zugerechnet und wurde anhand seiner Fingerabdrücke auf dem Bekennerschreiben identifiziert, wie der thüringische Innenminister Christian Köckert am Ostermontag auf einer Pressekonferenz in Erfurt mitteilte. Der Festgenommene habe zunächst jede Tatbeteiligung geleugnet. Weitere Verdächtige würden noch gesucht, sagte der CDU-Politiker. Bei dem Anschlag am Donnerstagabend, dem Hitlergeburtstag, war niemand zu Schaden gekommen.

Laut Köckert ist der 18-Jährige wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen und Körperverletzung vorbestraft und befand sich zur Tatzeit nur zur Bewährung auf freiem Fuß. Bei ihm sei auch ein Mitgliedsausweis der rechtsextremen NPD gefunden worden. Vermutlich habe er nicht allein gehandelt. Deshalb werde weiter nach Mittätern gefahndet.

Zunächst hatte es an dem Bekennerschreiben, das rund 100 Meter vom Tatort unter einem Auto entdeckt worden war, Zweifel gegeben. In dem Brief von der unbekannten Gruppe "Die Scheitelträger" wurde der Anschlag mit Antisemitismus begründet. Allerdings hielt die Polizei den professionellen Stil des auf PC gedruckten Schreibens und die dilettantische Ausführung des Anschlages für widersprüchlich.

In die Ermittlungen wurde auch das Bundeskriminalamt eingeschaltet. Für Hinweise, die zur Aufklärung und Ergreifung der Täter führen, wurde eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt. Hinweise nehmen das Landeskriminalamt Erfurt unter der Telefonnummer 0361/3411224 oder jede Polizeidienststelle entgegen.

Der Anschlag ereignete sich am 20. April um 22.10 Uhr. Der oder die Täter schleuderten eine Brandflasche gegen die hintere Ecke des mit der Synagoge verbundenen Gemeindehauses. Die brennende Lunte löste sich im Flug von der Flasche und blieb auf der Straße liegen. Die Flasche zerbarst an dem Gebäude, ohne Schaden anzurichten. Die Polizei, die wegen des Hitlergeburtstages ihren Streifendienst verstärkt hatte, sperrte die Straßen ab, Personenkontrollen ergaben aber keine Hinweise.

Personenschutz nach Drohanrufen

Während der Ostertage gingen zwei Drohanrufe ein, bei denen sich der Anrufer als "Scheitelträger" ausgab. Die Telefonate galten dem PDS-Politiker Bodo Ramelow, der am Karfreitag auf der ersten Mahnwache vor der Synagoge zu verstärkter Wachsamkeit gegen Rechtsradikale aufgerufen hatte, und einem Mitarbeiter der Staatskanzlei, der ein schärferes Vorgehen gegen Rechtsextremismus gefordert hatte.

Die Bundesregierung verurteilte den Anschlag scharf. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin forderte eine harte Bestrafung der Täter und mehr Zivilcourage. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Michel Friedman, nannte den Anschlag einen "Akt der Barbarei" und "Beweis dafür, dass es noch immer Antisemitismus in dieser Gesellschaft gibt". Das Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest erklärte: "Wer Synagogen, Kirchen oder Moscheen angreift oder zerstört, zerstört die Seelen von Menschen!"

Am Tatort versammelten sich am Osterwochenende mehrere Menschen, um mit Blumen und Kerzen ihre Empörung zu demonstrieren. In Thüringen leben rund 600 Juden.

Quelle: RPO Archiv

 
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