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Wien
Rechtspopulist ist Favorit bei Präsidentenwahl in Österreich

Wien. Erstmals müssen Kandidaten von sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP bei der Stichwahl zuschauen.

Die Aussage des Kandidaten scheint nicht gerade vor Selbstbewusstsein zu strotzen. "Jeder, der mich nicht leiden kann, aber Hofer vielleicht noch weniger leiden kann, den bitte ich, zur Wahl zu gehen und am 22. Mai ein Auge zuzudrücken." Alexander Van der Bellen, von den Grünen unterstützter 72-jähriger Wirtschaftsprofessor, wird wenige Tage vor der Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten in Österreich seinem Ruf gerecht: kein Mann markiger Sprüche zu sein. Seine Strategie: sehr parteiübergreifend wirken und die Nicht-Wähler mobilisieren.

Der gelernte Flugzeugtechniker Norbert Hofer (45) von der rechten FPÖ - Parteifarbe Blau - geht nach seinem hohen Sieg bei der ersten Runde als Favorit in die Stichwahl. Am 24. April hatte Ex-Grünen-Chef Van der Bellen 21,3 Prozent der Stimmen hinter sich, Hofer kam auf 35,1 Prozent. Gelingt dem 45-jährigen Hofer erneut eine solche Mobilisierung trennt ihn nur ein sehr schmaler Graben vom Einzug in die Hofburg. Es wäre europaweit einer der bis dato größten Coups der Rechtspopulisten.

6,4 Millionen Wähler können am Sonntag bestimmen, wer das höchste Amt in der Alpenrepublik für die nächsten sechs Jahre bekleidet. Amtsinhaber Heinz Fischer scheidet nach zwölf Jahren verfassungsgemäß aus. Die Wahl wird auf jeden Fall einen besonderen Platz in den Geschichtsbüchern zumindest in Österreich bekommen. Erstmals hat es kein Kandidat von sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP in die Stichwahl geschafft. Ein Umstand, über den Kanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann (SPÖ) ein paar Tage später stürzte.

Aufgrund der jüngsten politischen Turbulenzen wird es besonders spannend. Der Rücktritt Faymanns und die neue Kanzlerschaft des Machertypen Christian Kern (SPÖ) könnten manchen Protestwähler nun zögern lassen. "Der Anteil der Protestwähler bei der ersten Runde war ungewöhnlich hoch", sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, Wolfgang Bachmayer. Es kommt nicht zuletzt auf die Mobilisierung der Wähler der einstigen unabhängigen Mitbewerberin Irmgard Griss an. Die Top-Juristin hatte rund 19 Prozent der Stimmen bekommen. Sie stellte sich nun an die Seite des Ex-Grünen. "Ich habe (per Briefwahl) Van der Bellen gewählt", bekannte sie.

Van der Bellen würde das Amt im traditionellen Sinn ausüben, aber mit kritischer Distanz zur Regierung und verstärkten europapolitischen und menschenrechtlichen Akzenten. FPÖ-Kandidat Hofer hingegen will die verfassungsrechtliche Machtfülle gegen Parlament und Regierung ausreizen und damit das Land polarisieren. Wäre er die nächsten sechs Jahre Bundespräsident, befürchten Experten und politische Beobachter, kämen die Vorgaben für die Hofburg direkt von FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache.

(gru/dpa)
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