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Rom
Reformer hoffen auf Franziskus

Rom. Die große Umwälzung bringt die Familiensynode wohl nicht. Aber eine Äußerung des Papstes weckt neue Hoffnung bei den Progressiven. Von Julius Müller-Meiningen

Die entscheidenden Tage im Vatikan sind angebrochen. In den nach Sprachen geordneten Kleingruppen der Bischofssynode diskutieren die Teilnehmer die strittigsten Fragen beim Thema Ehe und Familie. Der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen gehört dazu, ebenso die Bewertung von Beziehungen, die nicht dem katholischen Eheideal entsprechen. Nur ganz am Rande, berichten Teilnehmer aus den Diskussionen, geht es um die Bewertung homosexueller Partnerschaften durch die Kirche.

Wird die katholische Kirche ihre kompromisslose Haltung zur Homosexualität relativieren, die nach offizieller Lehre als "objektiv ungeordnet" und als "sittlich betrachtet schlechtes Verhalten" beurteilt wird? Offenbar gibt es dafür unter den 270 Bischöfen bisher keinen Konsens. Die Denkweisen etwa in Europa oder Afrika seien für eine Übereinkunft zu unterschiedlich, heißt es von verschiedenen Seiten. Wer bei diesem Punkt einen Perspektivwechsel der Kirche erwartet hat, könnte enttäuscht werden.

Insgesamt sind die reformorientierten Bischöfe dabei, die Erwartungen herunterzuschrauben. Angesichts der Tatsache, dass die Reformer mit Franziskus den Papst auf ihrer Seite haben, der den Beratungsprozess überhaupt erst angestoßen hat, ist das eine ernüchternde Nachricht für das katholisch-progressive Lager. Der Berliner Erzbischof und Synodenteilnehmer Heiner Koch baut schon einmal vor: "Wenn der Heilige Vater ein klares Votum spricht, so oder so, erwarte ich von der gesamten Kirche, auch der deutschen Kirche, dass sie sich an dieses Votum hält. Punkt", sagte Koch der "Tagespost".

Der Plan, mit zwei Umfragen unter den Gläubigen und zwei im Abstand von zwölf Monaten angesetzten Synoden zum selben Thema einen Änderungsprozess umzusetzen, scheint vorerst nicht aufzugehen. Beobachter erkennen zwei Minderheiten, Reformer und Konservative, die sich gegenseitig blockieren. Die große Masse der Bischöfe wartet einfach ab.

Auch die Positionen im richtungsweisenden Streit über die Zulassung katholisch getrauter Ehepartner zur Kommunion, die nach dem Scheitern ihrer Ehe erneut standesamtlich geheiratet haben, scheinen im Wesentlichen unverändert. Der konservative Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte zuletzt in mehreren Stellungnahmen die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene "in extremen Einzelfällen" nicht ausgeschlossen.

Was wie eine Annäherung an die Position mehrerer deutscher Synodenteilnehmer klang, etwa die Kardinäle Reinhard Marx oder Walter Kasper, die eine Zulassung im Einzelfall fordern, dürfte nicht wesentlich mehr als die Wiederholung der geltenden Lehre sein. In seinem apostolischen Schreiben "Familiaris Consortio" von 1981 hatte Johannes Paul II. geschiedenen Ehepartnern den Zugang zu den Sakramenten in Aussicht gestellt, wenn sie sich verpflichten, sexuell "völlig enthaltsam zu leben". Auf diese Sichtweise bezog sich Müller nach eigenen Angaben. Ein für alle Seiten zufriedenstellender Kompromiss auf der Familiensynode scheint bislang nicht in Sicht. Am Samstag soll der Schlussbericht im Plenum abgestimmt werden; anschließend hat Franziskus das Wort.

Der Papst spielt im Kalkül der Reformer inzwischen die entscheidende Rolle. Mit seiner Ansprache zum 50. Jahrestag der ersten Synode am Samstag weckte Franziskus noch einmal Hoffnungen im progressiven Lager. Der Papst hob die Bedeutung des gesamtkirchlichen Fortschreitens, von Ortskirchen und Bischofskonferenzen hervor und sprach von der Notwendigkeit einer "heilsamen Dezentralisierung". Mit dieser kirchenpolitisch umstrittenen Haltung, die mit dem in den vergangenen Pontifikaten praktizierten römischen Zentralismus kollidiert, bekämen die Bischofskonferenzen ein Mandat, umstrittene Einzelfragen regional unterschiedlich zu beantworten. Die Synode wäre dann nur eine Etappe auf einem weiter anhaltenden Weg der Reformen. Die deutschen Bischöfe stünden loyal zu Franziskus, sagte dazu Heiner Koch. Ihm sei es aber auch ein Anliegen, "dass wir in der Kirche mit unterschiedlichen Ergebnissen gut leben können".

Quelle: RP
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