Ex-Diktator ließ Brief von Enkelin vorlesen: Regierung über Pinochet enttäuscht
zuletzt aktualisiert: 05.09.2000 - 14:32Santiago de Chile (dpa). Der frühere chilenische Diktator Augusto Pinochet hat ohne ein Wort des Bedauerns für die Opfer seiner Gewaltherrschaft dazu aufgerufen, den Blick auf die Zukunft zu richten. Die am Tag der Nationalen Einheit veröffentlichte Erklärung sorgte für Enttäuschung im Regierungslager. Pinochet äußerte die Hoffnung, dass die Chilenen "die Weisheit besitzen, die Konflikte der Vergangenheit zu überwinden und so zu einer friedlichen Zukunft beizutragen". Die Erklärung wurde von seiner ältesten Enkelin Maria Jose Martinez (20) am Montagabend (Ortszeit) im Beisein Pinochets verlesen.
Der Präsident des Senats, Andres Zaldivar, bezeichnete die Erklärung als belanglos, da Pinochet nicht um Vergebung für die Irrtümer seiner Regierung gebeten habe. Der Generalsekretär der Regierung im Ministerrang, Claudio Huepe, begrüßte den Aufruf zur Einheit, machte aber zugleich "große Lücken" in Pinochets Botschaft aus. Nach 17 Jahren absoluter Macht habe Pinochet die Verletzungen der Menschenrechte nicht erwähnt. Diese Verbrechen seien die eigentliche Ursache für die Spaltung des chilenisches Volkes, zitierte ihn die Zeitung "El Mercurio". Der Vorsitzende der regierenden Christdemokraten, Ricardo Hormazabal, bezeichnete Pinochet als Symbol der Spaltung.
Die erste öffentliche Stellungnahme Pinochets seit der Freilassung aus britischem Hausarrest und der Aufhebung seiner Immunität war von dem Versuch geprägt, ohne Schuldeingeständnis dennoch einen versöhnlichen Ton anzuschlagen. "In meinem Herzen trage ich die feste Hoffnung, dass das uns Trennende und die Schmerzen der Vergangenheit überwunden werden, indem wir unseren Blick im Interesse der kommenden Generationen auf die Zukunft richten", schrieb der 84-Jährige.
Er sei überzeugt, "das Beste für mein Land gewollt zu haben", fügte Pinochet hinzu. Während der Militärdiktatur wurden etwa 3 200 Regimgegner umgebracht und Tausende gefoltert. Insgesamt 17 Jahre herrschte Pinochet uneingeschränkt und mit harter Hand. In seinem Brief warnte er das Land auch vor der Gefahr, dass das "von allen Chilenen mit Aufopferung Erreichte" durch ein Beharren auf alten Konflikten zu verspielen.
Die Botschaft ist Teil einer Öffentlichkeitskampagne, mit der Pinochet nach dem Entzug der Immunität als Senator auf Lebenszeit vor einem Monat sein öffentliches Image verbessern will. Für den 9. Oktober hat der Untersuchungsrichter Juan Guzman die erste Vernehmung Pinochets wegen Verbrechen während der Diktatur angesetzt. Der Richter bearbeitet 170 Strafanzeigen gegen Pinochet. Guzman hatte Pinochet schon während dessen fast eineinhalbjährigen Auslieferungsarrests in London schriftlich befragt. Damals schickte Pinochet die 75 Fragen unbeantwortet zurück.
Guzman bereitet eine Anklage gegen Pinochet wegen Entführung von 19 Regimegegnern vor. Sie sind die einzigen Opfer der so genannten "Karawane des Todes", deren Leichen bis heute verschwunden sind. Insgesamt tötete die Todesschwadron 72 Häftlinge. Da eine Mordanklage wegen der Selbstamnestie der Militärs nicht möglich ist, geht Guzman von einer immer noch andauernden Entführung aus.
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