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Analyse
Rolle rückwärts beim Turbo-Abitur?

Düsseldorf. Der Verein "Bürgerinitiative" entfacht eine neue Debatte um acht oder neun Jahre Gymnasialzeit. Angeblich wollen 80 Prozent der Eltern die Rückkehr zum alten System. Bildungsexperten bezweifeln allerdings diese Zahl. Von Detlev Hüwel

An Selbstbewusstsein fehlt es dem Verein offensichtlich nicht. "Wir verlangen von der Landesregierung die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren", betont Anja Nostadt, Sprecherin der 2008 in Bonn gegründeten "Bürgerinitiative familiengerechte Bildung und Schule". Rot-Grün in NRW dürfe nicht an der achtjährigen Gymnasialzeit (G 8) festhalten, denn diese Schulzeitverkürzung sei "nicht schülerorientiert und zudem gesundheitsschädigend".

Wer sich mit Schulfragen beschäftigt, dem wird diese Kritik sehr bekannt vorkommen. Jahrelang ist in NRW leidenschaftlich um das Für und Wider des "Turbo-Abiturs" nach acht Jahren gerungen worden. Rot-Grün hatte sich 2003 dafür entschieden, und die schwarz-gelbe Landesregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) setzte diesen Beschluss zum Schuljahr 2005/06 um. In diesem Jahr liefen die beiden Abiturjahrgänge von G 8 und G 9 zum "Doppelabitur" zusammen. Zwar flammte angesichts der Prüfungsaufgaben in Mathematik die alte Debatte um das Turbo-Abitur wieder auf, doch insgesamt blieb der Unmut über die Verkürzung der Gymnasialzeit eher unterschwellig.

Jetzt will die Bürgerinitiative neuen Sturm entfachen. 80 Prozent der Eltern, so hieß es gestern in Düsseldorf, seien laut Umfragen nicht mit G 8 einverstanden und wollten die Rückkehr zum Abitur nach insgesamt 13 Schuljahren. Ralf Leisner, Vorsitzender der Landeselternschaft Gymnasien in NRW, bezweifelt diese Zahl. Seine Organisation repräsentiere über 90 Prozent der mehr als 600 Gymnasien. "Auf unseren Mitgliederversammlungen ergibt sich ein völlig anderes Bild." G 8 sei seinerzeit zwar "stümperhaft" umgesetzt worden, doch Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sei gut beraten gewesen, einen Reformprozess – vor allem auch bezogen auf die Lerninhalte – in Gang zu setzen. Eine Rückkehr zu G 8 ist für Leisner nicht vorstellbar: "Das würde an den Gymnasien zu großer Unruhe führen. Das kann niemand wollen." In die Schulen müsse endlich Ruhe einkehren; das System der verkürzten Schulzeit habe sich bewährt: "G 8 ist ein Erfolgsmodell."

So sieht es auch Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes NRW: "Ich bin dagegen, wieder eine Strukturdebatte anzufangen. Das wäre eine Rolle rückwärts." Gewiss gebe es noch viel Kritik am Turbo-Abitur, doch die Rückkehr zu G 8 wolle kaum jemand. Zudem sei niemand gezwungen, sich auf acht Jahre Gymnasium einzulassen. An den Gesamtschulen werde ein neunjähriger Bildungsgang zum Abitur angeboten.

Damit argumentiert Silbernagel ähnlich wie die Schulministerin: Auch die Gemeinschafts- und die Sekundarschulen eröffneten in einer verbindlichen Zusammenarbeit mit der Oberstufe eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs einen neunjährigen Weg zum Abitur. Dass von dieser Möglichkeit zunehmend Gebrauch gemacht wird, berichtet auch Heike Joerß, Leiterin des Walter-Eucken-Berufskollegs in Düsseldorf: "Wie die anderen Berufskollegs registrieren auch wir einen verstärkten Zulauf."

Die Bürgerinitiative aber sieht in Löhrmanns Hinweis auf Schulen mit neunjährigem Weg zum Abitur den ideologisch bedingten Versuch, integrative Schulsysteme aufzuwerten. Sie habe "den Verdacht, dass in der Landesregierung manipuliert wird", sagt Anja Nostadt, die als Psychotherapeutin tätig ist. Sie befürchtet, dass sich bei Fortdauer von G8 immer weniger Eltern für das Gymnasium entscheiden werden. Die verkürzte Gymnasialzeit bedeute enormen Leistungsdruck, der Stress erzeuge und krankmachen könne, betont auch Studienrat Marcus Hohenstein von der Elterninitiative "G9 jetzt NRW". Den Vergleich mit anderen Staaten lässt er nicht gelten. Der Einwand, dass früher in Frankreich die jungen Leute bereits das Abitur in der Tasche gehabt hätten, während sie hierzulande noch die Schulbank drückten, klammere die Frage der Studierfähigkeit aus.

Das sieht Karin Hechler, Leiterin eines Gymnasiums in Frankfurt/Main, genauso. Der Erwerb der Hochschulreife und damit die Studierfähigkeit stünden im Mittelpunkt der gymnasialen Ausbildung. Die enorme Unterrichtsverdichtung beim Turbo-Abitur führe jedoch dazu, dass die Schüler häufig nur noch auf bevorstehende Tests hinarbeiteten; die Beschäftigung mit anderen Inhalten bleibe auf der Strecke. Die Schüler würden auch nicht ausreichend individuell gefördert. Dass andere Schüler Hilfestellung geben sollen, sei falsch: "Schüler sind keine Ersatzlehrer." Wenn Schüler nicht gelernt hätten, für sich allein zu büffeln, bekämen sie an den Hochschulen später große Probleme. Die Zahl der Studienabbrecher spreche eine deutliche Sprache.

Auch Hechler will zurück zum Abitur nach neun Jahren, das mehr Unterrichtsqualität ermöglichen soll. Aber haben die neuen Bundesländer mit ihrem G8-System nicht soeben erst hervorragend beim Bildungsvergleichstest abgeschnitten? So schlecht kann das Turbo-Abitur doch gar nicht sein, oder? Marcus Hohenstein widerspricht: In Ostdeutschland sei das Schulwesen zu DDR-Zeiten sehr stark auf die polytechnische Hochschule mit den Schwerpunktfächern Mathematik und Naturwissenschaften ausgerichtet gewesen. Das wirke bis heute nach. Im Osten gebe es eine "andere Schulkultur als bei uns".

Brennt Eltern, Lehrern und Schüler das Thema G 8/G 9 wirklich noch auf den Nägeln? Lediglich 13 Gymnasien entschieden sich 2010 zur Teilnahme an dem Schulversuch und bieten den neunjährigen Bildungsgang an. Alle anderen Gymnasien setzen dagegen auf die achtjährige Ausbildung. Dabei sollte es nach Ansicht des Philologenverbandes auch bleiben. "Die gesellschaftliche Entwicklung", so betont Peter Silbernagel, ist längst darüber hinweg."

Quelle: RP
 
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