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Sindschar
Rückkehr in eine befreite Trümmerwüste

Sindschar. Eingestürzte Häuser, ins Freie geschleuderte Teppiche, Kleider, Möbel, Kinderspielzeug: In der irakischen Stadt Sindschar nahe der syrischen Grenze ist kein Haus heil geblieben. Mitte November haben die kurdischen Peschmerga Sindschar vom IS zurückerobert; vor einer Woche kam Kurdenpräsident Massud Barsani, um den Anspruch seiner nordirakischen Autonomieregierung auf das Gebiet zu bekräftigen. Barsani wurde bejubelt - von Menschen aus der Umgebung, denn in Sindschar wohnt derzeit niemand. Nur Peschmerga-Einheiten sind dort stationiert. Von Birgit Svensson

Auf dem Weg nach Sindschar kommen uns Pick-ups und Kleintransporter entgegen, die allerlei Hausrat geladen haben. Der Verdacht drängt sich auf, dass Plünderer am Werk sind. Doch stellt sich heraus, dass es mehrheitlich Einwohner von Sindschar sind, die vor den IS-Kämpfern geflohen waren und nun zurückkehren, um ihr Hab und Gut zu retten - oder das, was davon noch übrig ist. "Wir gehen noch nicht zurück", sagt Marwan, der Matratzen und Decken auf einen Minibus geladen hat und in einem Flüchtlingslager etwa 150 Kilometer entfernt lebt. Die Erfahrung habe gezeigt, dass der IS nach einer bestimmten Zeit wieder angreife.

Schon im Dezember 2014 hatte es geheißen, die Peschmerga würden die ehemals 30.000 Einwohner zählende Stadt vom IS befreien. Die Terrormiliz hatte in einer Blitzaktion im August 2014 die Gegend erobert. Als die Peschmerga vor dem IS kapitulierten, überließen sie die Jesiden Sindschars, eine religiöse Minderheit, schutzlos den grausamen Gotteskriegern. Drei Massengräber haben Peschmerga-Offiziere inzwischen gefunden, mit je 100 bis 200 Jesiden. Man werde aber sicher noch weitere finden, sind sich die Soldaten vor Ort sicher. Tausende Jesiden flohen in Angst und Panik vor dem IS in die Berge, saßen dort tagelang fest, bis ein Korridor zur Evakuierung geschaffen wurde. So war die Hoffnung groß, als die erste Militäroperation der Kurden begann. Doch damals schafften es die Peschmerga lediglich, das Gebiet bis zu den nahen Sindschar-Bergen zurückzuerobern. Die Stadt selbst blieb in der Hand des IS.

Als Isaddin Sadus im Frühsommer nach Sindschar abkommandiert wurde, bahnte sich ein Strategiewechsel an. Der Brigadegeneral, der lange Jahre in Lübeck lebte, sollte die Rückeroberung der Stadt vorbereiten. Zusammen mit Einheiten der kurdischen Arbeiterpartei PKK rückten die Peschmerga heran. Doch monatelang wechselte der Frontverlauf ständig. "Es war schwierig", fasst der 54-jährige Peschmerga-Offizier zusammen. Mal kontrollierten die Kurden 30 Prozent von Sindschar, mal 40. Das änderte sich erst mit den Luftschlägen der Amerikaner, die in den vergangenen Wochen intensiviert wurden.

Als die 7500 kurdischen Soldaten Mitte November auf Sindschar vorrückten, war vom IS nichts mehr zu sehen. Die Dschihadisten seien entweder in ihre Metropole Mossul oder nach Syrien geflohen, sagen Augenzeugen. Fast kampflos nahmen die Kurden die Stadt ein.

Quelle: RP
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