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Bagdad
Rückschläge im Nahen Osten machen IS noch gefährlicher

Bagdad. In den vergangenen Monaten hat der Islamische Staat etwa 14 Prozent seines Territoriums verloren. Die Terroristen weichen nun auf andere Schauplätze aus, zum Beispiel Europa. Von Birgit Svensson

Im Norden und Nordosten Ramadis haben sich die Dschihadisten verschanzt und leisten erbitterten Widerstand. In den vergangenen Tagen gab es wieder Verluste auf beiden Seiten. Einige Familien, die von IS-Kämpfern festgehalten worden waren, konnten indes befreit werden, sagte ein Sprecher der irakischen Armee. Doch in anderen Stadtteilen, vor allem im Osten, sollen die Dschihadisten weitere Familien als Geiseln genommen haben. Trotzdem ist Ramadi aus den öffentlichen Schlagzeilen heraus, seitdem der irakische Ministerpräsident Haidar al Abadi kurz vor Neujahr dorthin flog, sich auf das Dach des Regierungspalastes stellte und die Stadt für befreit erklärte. Nur zu gerne will man an einen endgültigen Sieg über den Islamischen Staat glauben - in Ramadi und auch anderswo. Vorsicht vor allzu bereitwilligem Wunschdenken ist deshalb geboten.

Zweifelsohne läuft es für den selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi und seine Kämpfer derzeit nicht rund. In den vergangenen Monaten haben sie etwa 14 Prozent des Territoriums ihres Staates verloren. Das Kalifat schrumpft: Tikrit, Baidschi, Sindschar und nun Ramadi im Irak, Kobane, Deir as Saur und ein strategisch wichtiger Staudamm in Syrien haben die Dschihadisten binnen eines Jahres eingebüßt. Erobern konnten sie Ramadi, das sie jetzt jedoch teilweise wieder verloren haben, und Palmyra, die syrische Wüstenstadt. Trotzdem kontrolliert der Islamische Staat noch ein Gebiet von 78.000 Quadratkilometern, was etwa der Größe Tschechiens entspricht. Dass Bagdadi und Co. unter erheblichen Druck geraten sind, ist allerdings ein offenes Geheimnis. Nicht von ungefähr wird immer wieder über Exekutionen von abtrünnigen Kämpfern der Miliz berichtet und von Durchhalteparolen des Chefs gegenüber seinen Anhängern.

Ein von der irakischen Armee im Kampf um Ramadi gefangen genommener Dschihadist berichtet über die schwindende Kampfeslust seiner Kollegen in Anbar. Die Versorgung der Provinz, die zu 90 Prozent vom IS kontrolliert wird, ist nicht mehr uneingeschränkt aufrechtzuerhalten. Die Preise der Lebensmittel stiegen in den Wochen der Kämpfe ins nahezu Unermessliche, Treibstoff ist fast gar nicht mehr zu bekommen, Wasser wird immer knapper. Aus anderen Teilen des Iraks und Syriens kommen ähnliche Nachrichten.

Das Zusammenspiel der irakischen Armee, der Sunniten- und Schiitenmilizen im Zentrum des Iraks, der Peschmerga im Norden mit den Amerikanern und der internationalen Allianz verbessert sich. Die Luft für den Kalifen wird dünner. In dieser misslichen Lage erinnerte sich Bagdadi an einen Klassiker arabischer Propaganda und drohte in seiner neuesten Videobotschaft Israel. "Wir haben Palästina keine Sekunde vergessen", es werde bald zum Friedhof der Juden. Soll heißen: Wenn wir da, wo wir jetzt sind, Niederlagen erleiden, gehen wir woanders hin. Das hat sich ohnehin in jüngster Zeit gezeigt. Die IS-Terrorzellen auf dem Sinai in Ägypten und in Libyen gewinnen an Bedeutung, Anschläge in Europa nehmen zu.

Wenn auch die Terrormiliz in den vergangenen Monaten erheblich unter Druck geraten ist - geschwächt ist sie deshalb noch lange nicht. So erfolgte gleichzeitig mit dem Beginn des dritten Angriffs der irakischen Armee auf Ramadi Mitte Dezember ein Gegenangriff, um die Gegner auszubremsen. Eine IS-Attacke auf Tikrit Anfang Januar zeigte den Anspruch der Dschihadisten, die einstmals in ihrer Hand befindliche Heimatstadt Saddam Husseins abermals zurückerobern zu wollen.

Und nun Ramadi: Angeblich verblieben lediglich 300 IS-Kämpfer in der Stadt, besagen Quellen der irakischen Armee. Denen stehen etwa 10.000 Soldaten der Regierungstruppen gegenüber. Hinzukommen massive Luftangriffe der Amerikaner. Allein dieses Missverhältnis führt die Stärke des IS vor. Der inzwischen fast vier Wochen tobende Kampf um Ramadi ist der dritte Versuch, die Stadt zurückzuerobern.

Doch selbst wenn der IS aus den Städten und Provinzen des Kalifats vertrieben werden kann, wird der Dschihadismus nicht verschwinden. Neue Extremisten werden auf den IS folgen, so wie der IS auf Al Kaida gefolgt ist. Einen Vorgeschmack auf künftige Schlachtfelder gibt es bereits: Die Zuspitzung der Spannungen zwischen dem radikal schiitischen Iran und dem nicht weniger radikal sunnitischen Saudi-Arabien bergen einen besorgniserregenden Sprengstoff.

Quelle: RP
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