Nach der Anschlag-Serie auf Synagogen: Ruf nach mehr Sicherheit für Juden in Deutschland
zuletzt aktualisiert: 08.10.2000 - 20:44Frankfurt/Main (AP). Mit dem Ruf nach mehr Sicherheit für Juden in Deutschland haben Politiker am Wochenende auf die jüngsten Anschläge gegen Synagogen reagiert. CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz forderte eine Videoüberwachung rund um die Uhr für gefährdete jüdische Einrichtungen.
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, setzte sich für eine Bannmeile in Berlin ein, um auch das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor zu schützen. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten die Deutsche Bischofskonferenz und die nordamerikanische Vereinigung der Rabbiner die Anschlagsserie.
Die erschreckenden judenfeindlichen Untaten bedeuteten eine Steigerung der abscheulichen Qualität, mit der in Deutschland jüdische Menschen in Angst und Schrecken versetzt werden, heißt es in dem Schreiben. Nun müssten sich Juden in Deutschland besorgt fragen, ob sie wirklich mit gutem Grund der deutschen Mehrheit wieder Vertrauen geschenkt haben.
In dem Brief bitten Bischöfe und Rabbiner die hier lebenden Juden, am jüdischen Leben in Deutschland festzuhalten. Die Christen seien aufgefordert, ihre Anteilnahme deutlich und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen.
Nach einem Zeitungsbericht haben bundesweit jüdische Repräsentanten Drohbriefe erhalten. Das Berliner Innenministerium hat aber nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse darüber.
Friedman sagte der "Magdeburger Volksstimme", Berlin müsse eine Bannmeile einrichten: "Es muss endlich Schluss sein mit den Bildern von grölenden Nazis, die von der Polizei geschützt mit ihren Fahnen durchs Brandenburger Tor ziehen." Innerhalb einer um ein Parlament gezogenen Bannmeile besteht Demonstrationsverbot. Anders als in Bonn gibt es in Berlin noch keinen derart geschützten Bereich.
Die Vorsitzende der Münchner Jüdischen Gemeinde, Charlotte Knobloch, rief die Juden auf, sich von den Anschlägen nicht einschüchtern zu lassen. "Die Zeit, da Juden auf gepackten Koffern saßen, ist vorbei - und die Koffer werden auch nicht wieder hervorgeholt", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Die Juden müssen Flagge zeigen und dürfen sich nicht von antisemitischen Rabauken in die Ecke stellen lassen."
Laut "Welt am Sonntag" erhielt nicht nur der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, einen Drohbrief. Auch "bei anderen Angehörigen oder Repräsentanten jüdischer Gemeinden oder Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet" seien solche Sendungen eingegangen, berichtete das Blatt unter Berufung auf das Düsseldorfer Innenministerium. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte aber, darüber lägen ihr keine Erkenntnisse vor.
Besonderes Gebet
Mit "tiefer Betroffenheit" reagierten die Vertreter von rund 125 katholischen Verbänden und Organisationen auf die Anschläge. Etwa 160 Delegierte der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Organisationen Deutschlands (AGKOD) riefen die katholischen Gemeinden in Münster auf, mit einem besonderen Gebet im Sonntagsgottesdienst ebenfalls ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen.
Bundeswirtschaftsminister Werner Müller ermutigte die deutschen Unternehmen, Neonazis zu kündigen. Der parteilose Politiker sagte der "Bild am Sonntag", er unterstütze den entsprechenden Aufruf der Arbeitgeberorganisationen, auch wenn es zu Arbeitsprozessen kommen könne.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum

