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Moskau
Russland verurteilt ukrainische Pilotin wegen Beihilfe zum Mord

Russland verurteilt Nadja Sawtschenko wegen der Beihilfe zum Mord
FOTO: dpa, yk jak
Moskau. Zwei Tage dauert die Verlesung des Urteils. Ohne Punkt und Komma leiert der Richter den Text herunter. Niemand hört zu, weder die Anwälte noch Nadja Sawtschenko, die sich gelegentlich durch die Stäbe des Gefangenenkäfigs im Gerichtssaal unterhalten. Von Klaus-Helge Donath

Seit September läuft der Prozess gegen die seit 20 Monaten inhaftierte ukrainische Kampfpilotin in der kleinen russischen Grenzstadt Donezk. Der 34-jährigen Offizierin der ukrainischen Armee wird vorgeworfen, vor fast zwei Jahren am Tod zweier russischer Journalisten im Krieg in der Ost-Ukraine verantwortlich gewesen zu sein. Richter Leonid Stepanenko sprach gestern die Angeklagte der Beihilfe zum Mord für schuldig und sah auch den Tatbestand des illegalen Grenzübertritts als erwiesen an. Das Strafmaß wird heute bekanntgegeben. Die Staatsanwaltschaft fordert 23 Jahre Freiheitsentzug.

Der Prozess gegen die Kampfpilotin offenbart erneut das eigenwillige Verständnis von Recht und Rechtsprechung in Russland. Das Gericht ließ Beweise nicht zu, die die Unschuld der Angeklagten hätten belegen können. Es behauptet vielmehr, Sawtschenko habe das Artilleriefeuer koordiniert, in dem die Journalisten zu Tode gekommen seien. Videoaufnahmen und Mobilfunkdaten zeigen allerdings, dass die Pilotin bereits von Separatisten festgesetzt worden war. Die Anwälte sagen, ihre Mandantin sei nicht nur verschleppt worden, ein Mitarbeiter des russischen Präsidialamtes habe sogar die Finger mit im Spiel gehabt. Moskau versucht, durch ein hohes Strafmaß im Nachhinein das Vorgehen als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Erschwerend kommt hinzu: Russland gibt vor, in der Ukraine keine Kriegspartei zu sein, und kann die Frau daher nicht als Kriegsgefangene bezeichnen, was das Verfahren hätte verkürzen können. Geiseln sind in Kriegen eigentlich wertvoll. Sie lassen sich gegen eigene Gefangene eintauschen.

Im Fall Sawtschenko dürfte Russland die Festnahme jedoch bedauern. Das meinen zumindest russische Beobachter. Die Ukrainerin kennt keine Angst. In Hungerstreiks ging sie rücksichtslos mit sich selbst um. Immer wieder nutzte sie die Gelegenheit, vor Gericht auf die Farce der russischen Rechtsprechung hinzuweisen. Im Abschlussplädoyer warnte sie vor den Folgen eine Revolution in Russland. Furchtlos verkörpert Nadja Sawtschenko das, was der Elite in Moskau fehlt: Rückgrat. Als sie dem Gericht nach ihrem Schlusswort den Mittelfinger zeigte, empörte sich Russland über fehlenden Respekt. Sawtschenko wolle gegen das Urteil keine Berufung einlegen, sagen ihre Anwälte. Das schlösse eine Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus. Stattdessen will sie so schnell wie möglich in die Ukraine zurück, lebend oder tot. Mit der Androhung eines neuen Hungerstreiks setzt sie Moskau weiter unter Druck.

Quelle: RP
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