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Analyse
Sagen, was ist

Köln. Gastbeitrag Die Kölner Ereignisse sind auch medial eskaliert. Dabei bietet gerade eine so unklare Faktenlage die Chance für jedes Medium, ausgeruht und gelassen zu berichten, präzise zu analysieren und nüchtern einzuordnen. Von Hans Hoff

Das ZDF hat etwas richtig gemacht. Es hat zugegeben, im Zuge der Berichterstattung aus Köln am Montag falsch reagiert zu haben. "Die Nachrichtenlage war klar genug. Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat." So kommentierte der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen am Dienstag bei Facebook das Versäumnis. Gedankt wurde dem Zweiten das nicht von allen. In den weit über 2000 Kommentaren unter Theveßens Wortmeldung fanden sich nicht wenige, die seinen sofortigen Rausschmiss forderten. Aus dieser zu über 90 Prozent aus aggressiv formulierenden Männern bestehenden Gruppe wurden die mittlerweile handelsüblichen verbalen Blendgranaten abgefeuert, von Zensur über Schweigekartell bis Lügenpresse, halt die auch von Politikern gern zur Eigenprofilierung genutzte Empörungsfolklore.

Dabei ist das schnelle und öffentliche Eingestehen eines Fehlers der durchaus lobenswerte Versuch, Transparenz herzustellen, offen mit der eigenen Unzulänglichkeit umzugehen. Mit solcher Offenheit kann man den Lügenpresse-Vorwürfen durchaus entgegenwirken.

Journalisten sind nun mal nicht mehr die unfehlbaren Wächter am Tor der neuen Nachrichten, für die sie sich früher oft hielten. Jeder kann jetzt jederzeit an fast jede Information kommen. Mehr denn je gilt daher das einst vom "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein ausgegebene Motto "Sagen, was ist."

Wer aber sagen will, was ist, kommt nicht umhin, auch anzugeben, was nicht ist. Deutlich zu machen, was man nicht oder noch nicht weiß, gehört zum Standardrepertoire eines jeden Journalisten. Sollte es wenigstens. Auch auf die Gefahr hin, dass andere schneller sind. Genau an diesem Punkt kommen die Geschehnisse der Kölner Silvesternacht ins Spiel.

Die waren nämlich keineswegs so schnell so klar wie es viele im Nachhinein gerne verbreiten. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sich herauskristallisierte, dass die Neujahrs-Polizeiangaben von einer "entspannten Einsatzlage" nicht den Tatsachen entsprachen, dass am Hauptbahnhof weitaus mehr passiert war als das übliche Gegröle Alkoholisierter, als das in Polizeiberichten schon zur traurigen Routine gehörende "Antanzen" zum Zweck des Ausraubens argloser Passanten. Auch Journalisten wurden überrascht von der Dimension und der Heftigkeit der Taten. Journalisten sind nicht zwangsläufig klüger als die Polizei, als Politiker, als ein Großteil der Bevölkerung.

Es teilt sich in solchen Situationen das mediale Feld in jene, denen man trotz ihrer Unzulänglichkeit vertrauen kann, weil sie sich ehrlich mühen, und in jene, bei denen man eher vorsichtig sein sollte. Es nimmt auch den Leser, den Nutzer in die Pflicht. Der muss differenzieren lernen. Die Medien als Generalbegriff sind dabei ebenso untauglich wie der Ausdruck Lügenpresse. Jedes Medium steht für sich und handelt in eigener Verantwortung.

Im Prinzip sind Vorgänge wie in Köln mit einer sehr unklaren Fakten- und Gemengelage aber auch eine große Chance für jedes Medium, das gelassen und ausgeruht berichtet, das präzise analysiert, das nüchtern einordnet, das auch zu seinen Fehlern steht. So etwas erzeugt auf die Dauer Vertrauen. Vertrauen ist mehr denn je die journalistische Währung schlechthin. Je größer das Wirrwarr, desto wichtiger wird "mein" Medium, das mir erklärt, was ich von Dingen zu halten habe. Wer kein Medium seines Vertrauens hat, ist sehr schnell sehr allein, ist ausgeliefert dem sich immer schneller drehenden Strudel der schnellen Verfügbarkeiten und oft falschen Gewissheiten.

Sehr schön lässt sich das im Fall von Köln belegen anhand der Beschreibung einer Gruppe von mehr als 1000 Männern, aus der heraus sich angeblich die Täter schälten, die für die Übergriffe verantwortlich zu machen sind.

Noch am Morgen des 1. Januar war in einer Polizeimeldung lediglich von 1000 Feiernden die Rede gewesen, doch nach einer Pressekonferenz der Polizei am Montag machten die 1000 rasch Karriere. Zunächst wurden die 1000 vom Vizechef der Polizeigewerkschaft NRW als alkoholisiert und enthemmt beschrieben. Völlig zu Recht identifizierte die Polizei die Täter, wohlweislich nicht die gesamten 1000, als nordafrikanisch Aussehende. Trotzdem gerieten in den sozialen Netzwerken rasch alle 1000 unter Verdacht. In einem Kommentar von Alice Schwarzer waren es dann plötzlich "1000 überwiegend gewaltbereite und kriminelle Männer", die sich da vor dem Bahnhof "zusammengerottet" haben. Eben noch ein Feiernder, jetzt schon gewaltbereit.

Zu einer solchen Deutungseskalation haben nicht wenige Medien selbst beigetragen, weil sie sich willig als Resonanzraum zur Verfügung stellten für Äußerungen bei Facebook und Twitter. Jene, die dort ihren Unmut rabiat äußern, gelten manchen Journalisten als ernstzunehmende Stimme, die es zu zitieren lohnt. Damit wird jedoch eine Minderheit geadelt, die hemmungslos pöbelt und dabei ist, aus sozialen Netzwerken asoziale Netzwerke werden zu lassen. Nicht alle Facebook-Nutzer sind Pöbler, aber die meisten Pöbler sind Facebook-Nutzer. Verantwortungsvolle Journalisten halten Distanz zu solchen Quellen. Sie gehen raus und sprechen mit echten Menschen. Sie sagen, was ist. Dafür muss zwischen Til-Schweiger-"Tatort" und dem Start des Dschungelcamps Platz sein. Und sie halten sich an einen Tipp der "Heute Show", die mit Anspielung auf eine unglückliche Verhaltensregel der Kölner Oberbürgermeisterin eine klare Linie für gute Journalisten vorgibt: "Eine Armlänge Abstand zur Tastatur, bis die wichtigsten Infos gesichert sind."

Info Der Autor ist freiberuflicher Medienkritiker und war früher Redakteur der Rheinischen Post.

Quelle: RP
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