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Saint-Denis
Saint-Denis im Belagerungszustand

Saint-Denis. In der Pariser Vorstadt hat die Polizei gestern eine Terrorzelle ausgehoben. Laut Medienberichten soll der Drahtzieher der Anschläge von Freitag, Abdelhamid Abaaoud, dabei ums Leben gekommen sein. Der Staatsanwalt bestätigt das jedoch nicht. Von Christine Longin

Fünf Tage nach der Anschlagserie von Paris ist der Alptraum in der Vorstadt Saint-Denis weitergegangen: Maschinenpistolenfeuer und Explosionen rissen die Einwohner um 4.20 Uhr aus dem Schlaf. Hundertschaften von Polizei und Armee suchten in der Rue du Courbillon in der Nähe der berühmten Kathedrale nach einem Mann: Abdelhamid Abaaoud. Der 28-jährige Belgier gilt als Kopf der Terrorgruppe, die am Freitagabend 132 Menschen tötete. Zusammen mit Komplizen soll er in einer Wohnung nördlich der Hauptstadt untergekommen sein. Die Razzia sei zurückgegangen auf Hinweise von Behörden aus dem In- und Ausland. Angeblich stammten einige Informationen von marokkanischen Sicherheitsbehörden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

Die "Washington Post" berichtete derweil, Abaaoud sei bei der Razzia getötet worden. Einzelheiten nannte die Zeitung jedoch nicht, und die Angaben konnten zunächst auch nicht bestätigt werden.

Insgesamt wurden bei dem dramatischen Anti-Terror-Einsatz acht Verdächtige festgenommen. Nur rund anderthalb Kilometer vom Stade de France, wo die Terrorserie während des Freundschaftsspiels Deutschland-Frankreich begann, hatten sich die Extremisten verschanzt. "Man hörte die Sicherheitskräfte, die riefen: ,Bleibt drinnen'. Dann fielen Schüsse", berichtete ein Augenzeuge im Radio. Andere schilderten Szenen wie im Krieg: Scheinwerfer, die auf Häuser gerichtet waren, zersplitterte Fensterscheiben, Detonationen. Die Anwohner konnten erst nach und nach in Sicherheit gebracht werden. Mehr als 60 von ihnen mussten psychologisch betreut werden. "Der Lärm der Explosionen und Schüsse hat sie zutiefst verstört", sagt der Mediziner Jean-Marc Agostinucci vom Roten Kreuz.

Fotografen hielten seltsame Szenen fest: Ein halbnackter Mann ohne Hose und Schuhe krümmte sich im Polizeigriff zwischen Dutzenden Beamten auf dem Weg in den Arrest, ein anderer war halb in eine glitzernde Isolierdecke gehüllt, ein dritter ließ sich ruhig von Beamten in einen blauen Minivan setzen.

Für die rund 100.000 Anwohner von Saint-Denis war es der Ausnahmezustand: Bis nachmittags durfte niemand seine Wohnung verlassen, Busse und Bahnen fuhren nicht, Schulen und Läden blieben geschlossen. Die Zufahrtsstraßen aus Paris waren gesperrt. An der Porte de la Chapelle brach der morgendliche Berufsverkehr komplett zusammen. Wer zur Arbeit nach Paris wollte, steckte stundenlang im Stau oder war notgedrungen kilometerweit zu Fuß unterwegs. Am Stade de France wurden verdächtige Autos kontrolliert.

Der junge Mann, der die Extremisten aufnahm, will seine Gäste aus Belgien nicht gekannt haben. "Ich wollte nur helfen", sagte er im Fernsehen. Unklar ist bisher, ob Abaaoud tatsächlich in der Wohnung war. Eigentlich war der Belgier in Syrien vermutet worden, von wo aus er die Anschläge am Freitagabend gesteuert haben soll.

Drei der acht Verdächtigen nahm die Polizei bei ihrer nächtlichen Aktion in der gestürmten Wohnung fest. Zwei weitere hatten sich nach der Explosion in den Trümmern verschanzt. Auch der Wohnungsbesitzer und eine Bekannte wurden festgenommen. Die Frau, die sich in Luft sprengte, war möglicherweise die Cousine von Abaaoud. Frauen waren in Europa bisher noch nicht als Selbstmordattentäterinnen in Erscheinung getreten. Doch weibliche Unterstützung hatten auch die Angreifer auf "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt Hyper Kacher im Januar.

Neben Abaaoud suchte die Polizei auch nach Salah Abdeslam, einem 26-jährigen Belgier, der die Angreifer zum Konzertsaal Bataclan mit einem schwarzen Polo gefahren haben soll. Er war nach den Anschlägen von zwei Komplizen nach Belgien gebracht worden. Seine beiden Helfer wurden in Brüssel festgenommen, nach Abdeslam wird international gefahndet. Kurz nach den Anschlägen griffen Polizeibeamte Abdeslam bereits auf, ließen ihn aber aufgrund fehlender Informationen wieder laufen. Der Islamischer Staat hatte in ihrem Bekennerschreiben von "acht Brüdern" gesprochen, die die Taten verübten; bei den Attentaten traten allerdings nur sieben in Erscheinung. Abdeslam könnte der "achte Mann" sein.

Seit der Mordserie am Freitag kam es in Frankreich zu 414 Hausdurchsuchungen, wie Innenminister Bernard Cazeneuve mitteilte.

Quelle: RP
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